Das war Lotsengesetz und mußte befolgt werden. Henry wandte sich zum Gehen und hatte eben den Fuß auf die obere Stufe vor der Thür gesetzt, als Brown in einem plötzlichen Wutanfall ein etwa zehnpfündiges Stück Kohle ergriff und ihm nachsprang; ich kam jedoch mit einem schweren Stuhl dazwischen und versetzte Brown einen tüchtigen Streich, der ihn niederstreckte.
Ich hatte das Kapitalverbrechen begangen – hatte meine Hand gegen einen Lotsen im Dienst erhoben. Da ich einmal doch fürs Zuchthaus reif war, konnte ich meine Lage kaum verschlimmern, wenn ich fortfuhr, meine Rechnung mit diesem Menschen auszugleichen, so lange ich die Gelegenheit dazu hatte; so machte ich mich denn an ihn heran und bearbeitete ihn eine beträchtliche Zeit – ich weiß nicht, wie lange – mit den Fäusten; das Vergnügen ließ mir die Zeit wohl länger erscheinen, als sie wirklich war; – endlich aber riß er sich los, sprang auf und zum Rad hin: eine sehr natürliche Besorgnis, denn während dieser ganzen Zeit raste das Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Meilen in der Stunde den Fluß hinab, ohne daß jemand am Steuer war! Eagle Bend war jedoch bei diesem Wasserstand zwei Meilen breit und entsprechend lang und tief, und das Boot steuerte gerade in der Mitte des Fahrwassers hinab und vermied alle Hindernisse. Aber das war reines Glück – es hätte ebenso gut in den Wald hinein dampfen können.
Als Brown auf den ersten Blick sah, daß die ›Pennsylvania‹ nicht in Gefahr war, nahm er das lange Fernrohr wie eine Keule zur Hand und befahl mir mit steiferer Würde, als ein Comanche besitzt, das Steuerhaus zu verlassen. Aber ich fürchtete mich jetzt nicht mehr vor ihm; statt also zu gehen, blieb ich und kritisierte seine Sprechweise, formte seine schauderhaften Ausdrücke um und brachte sie in gutes Englisch, wobei ich seine Aufmerksamkeit auf die Vorzüge eines reinen Englisch vor dem Bastarddialekt der pennsylvanischen Kohlenbergwerke lenkte, aus denen er stammte. In einem Kreuzfeuer bloßer Schmähungen hätte er seine Rolle bewunderungswürdig spielen können, für diese Art der Kontroverse aber war er nicht gewappnet; er legte daher das Fernrohr beiseite und ergriff murmelnd und kopfschüttelnd das Rad, während ich mich auf die hohe Bank setzte. Der Lärm hatte alles auf's Sturmdeck gelockt, und ich zitterte, als ich den alten Kapitän aus der Mitte der Schar heraufschauen sah. Ich sagte mir »Nun bin ich verloren!« – denn so väterlich und nachsichtig der Kapitän gewöhnlich gegen seine Leute und so milde er bei kleineren Versehen war, so streng konnte er bei einem ernstlichen Vergehen sein.
Ich versuchte mir vorzustellen, was er mit einem Lotsenlehrling thun würde, der sich ein Verbrechen wie das meine hätte zu schulden kommen lassen, und noch dazu auf einem Dampfer, der voll von Passagieren und kostbarer Fracht war. Unsere Wache war fast zu Ende. Ich gedachte mich irgendwo zu verstecken, bis ich eine Gelegenheit fände, ans Land zu schlüpfen. So schlich ich denn aus dem Steuerhaus, die Treppe hinab und auf die Thür zum Saale zu – und wollte eben hineingleiten, als der Kapitän mir entgegentrat. Ich ließ den Kopf hängen; er stand einige Augenblicke schweigend vor mir und sagte dann:
»Folge mir!«
Ich schritt ihm nach, in seine Kajüte am vordern Ende des Salons. Wir waren jetzt allein. Er schloß die hintere Thür, ging dann langsam zur vordern und schloß auch diese. Darauf setzte er sich nieder, sah mich eine Weile an und sagte schließlich:
»Du hast dich also mit Herrn Brown geprügelt?«
Ich antwortete demütig: »Ja, Sir.«
»Weißt du, daß das eine sehr ernste Sache ist?«