Wir verzichteten auf das Frühstück, zahlten jeder unsern Dollar und kehrten zu den Postsäcken in der Kutsche zurück, wo wir Trost in unsern Pfeifen fanden. Gerade an jener Station mußte sich unser fürstlicher Aufzug die erste Einbuße gefallen lassen, indem wir unsere sechs Pferde zurückließen und dafür sechs Maultiere bekamen. Aber es waren wilde mexikanische Burschen, deren jedes von einem Mann am Kopf festgehalten werden mußte, so lange der Kutscher die Handschuhe anzog und sich fertig machte. Ergriff dieser dann endlich die Zügel und gab das Zeichen zum Aufbruch, so sprangen die Männer schnell zur Seite und ließen die Tiere los und nun sauste die Kutsche vom Posthause weg wie aus der Kanone geschossen. Wie die aufgeregten Tiere dahinjagten! Es war ein wilder, toller Galopp, und aus dieser Gangart kamen sie nicht heraus, bis wir zehn oder zwölf Meilen weit gerast waren und an der nächsten Gruppe von Stationshütten und Ställen vorfuhren. So ging es mit Windeseile weiter den ganzen Tag. Um zwei Uhr nachmittags kam der Waldgürtel in Sicht, der den North-Platte umsäumt und dessen Windungen durch die ungeheuren, völlig flachen Ebenen andeutet. Um vier Uhr kreuzten wir einen Arm des Platte, um fünf Uhr diesen selbst und hielten in Fort Kearny, nach einer Fahrt von sechsundfünfzig Stunden von St. Joseph, dreihundert Meilen von dort entfernt.
Das also war die Postfahrt auf der großen Ueberlandroute vor zehn oder zwölf Jahren, als wohl keine zehn Menschen in ganz Amerika zusammen daran glaubten, daß sie einmal den Bau einer Eisenbahn auf dieser Route nach dem Stillen Ozean erleben würden. Aber nun ist die Bahn wirklich vorhanden, und es ruft tausend merkwürdige Vergleiche und Kontraste in meinem Geiste wach, wenn ich in der ›New York Times‹ die nachstehende Skizze einer Reise fast genau über die in meiner Beschreibung geschilderten Oertlichkeiten lese. Ich vermag die neuen Verhältnisse kaum zu fassen.
»Quer über den Kontinent.«
»Um vier Uhr zwanzig Minuten eines Sonntags-Nachmittags rollten wir von der Station Omaha weg, um unsere lange Fahrt nach dem Westen anzutreten. Nach Verfluß einiger Stunden wurde die Hauptmahlzeit angesagt – ein Ereignis für jeden, der noch nicht aus Erfahrung weiß, was es heißen will, in einem der Pullmannschen Hotels auf Rädern zu speisen. Wir betraten also den nächsten Wagen vor unserem Schlafpalast und befanden uns im Speisewagen. Es war eine ungeahnte Ueberraschung für uns, dieses erste Sonntagsessen – und obwohl wir noch vier Tage lang an der Mittagstafel speisten und jedesmal Frühstück und Abendessen nahmen, war unsere ganze Gesellschaft doch fortwährend voll Bewunderung über die vollendete Einrichtung und die großartigen Leistungen. Auf schneeweiß gedeckten und mit gediegenem Silbergerät besetzten Tafeln trugen äthiopische Kellner in fleckenlosem Weiß mit zauberhafter Schnelligkeit ein Mahl auf, dessen selbst Delmonico sich nicht zu schämen gebraucht hätte. Ja, in manchen Punkten möchte es diesem hervorragenden Kochkünstler schwer gefallen sein, es unserer Speisekarte gleich zu thun; denn hatten wir nicht neben allem dem was sonst zu einem Diner ersten Rangs gehört, noch unser Antilopensteak (ein Feinschmecker, der dies nicht aus Erfahrung kennt – bah, was weiß der von Tafelgenüssen?) unsere köstliche Gebirgsbachforelle, auserlesenes Obst und Beeren und (als feinste Beilage, aber nicht für Geld zu haben) unsere süß duftende appetiterregende Prairieluft? Man darf überzeugt sein, daß wir den Herrlichkeiten Ehre widerfahren ließen, und als wir sie mit Kelchen voll perlenden Schaumweins hinunterspülten, während wir dreißig Meilen in der Stunde durchflogen, mußten wir bekennen, daß uns ein flotteres Leben niemals vorgekommen. Noch mehr leisteten wir übrigens zwei Tage darauf, als wir siebenundzwanzig Meilen in eben so vielen Minuten zurücklegten, während aus unseren bis zum Rand gefüllten Champagnerkelchen nicht ein Tropfen überfloß. Nach der Mahlzeit zogen wir uns in unseren Salonwagen zurück, wo wir den Sonntag-Abend durch Absingung einiger schönen alten Kirchenlieder feierten. Lieblich klangen die Männer- und Frauenstimmen in der Abendluft zusammen, während unser Zug mit seinem großen grell aufleuchtenden Polyphemsauge weithin die Prairie erhellend in Nacht und Wildnis hineinjagte. Dann zu Bett auf üppiger Lagerstatt, wo wir den Schlaf der Gerechten schliefen bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr, um beim Uebergang über den North Platte zu erwachen, dreihundert Meilen von Omaha, zurückgelegt in fünfzehn Stunden und vierzig Minuten.«
Fünftes Kapitel.
Abermals eine Nacht, die abwechselnd Ruhe und Unruhe brachte. Aber der Morgen kam doch nach und nach heran. Abermals ein solches Erwachen inmitten frischer Lüfte, endlos sich ausdehnender grüner Flächen, strahlenden Sonnenscheins, einer ergreifenden, aller sichtbaren menschlichen Wesen und Wohnstätten baren Einsamkeit und einer Atmosphäre von so merkwürdig vergrößernden Eigenschaften, daß Bäume in mehr als drei Meilen Entfernung scheinbar dicht vor uns standen. Wir machten es uns wieder leicht, kletterten auf das Dach unseres dahinfliegenden Wagens, ließen die Beine auf der Seite herunterhängen, riefen gelegentlich einmal unseren tollen Maultieren zu, lediglich um zu sehen, wie sie die Ohren zurücklegten und noch flinker dahinstoben, banden unsre Hüte fest, damit uns der Wind die Haare nicht wegblase, und hielten Ausschau über den unermeßlichen Teppich, der sich um uns ausbreitete, nach beachtenswerten neuen und merkwürdigen Dingen. Noch heute durchströmt mein ganzes Wesen ein Wonnegefühl bei dem Gedanken an das Leben, die Fröhlichkeit und das unbändige Freiheitsgefühl, welche an diesen herrlichen Morgen auf unserer Fahrt meine Pulse höher schlagen ließen.
Später, etwa eine Stunde nach dem Frühstück, erblickten wir die ersten Dörfer von Prairiehunden, die erste Antilope und den ersten Wolf. Wenn ich mich recht entsinne, war dieser letztere der richtige Cayote der entlegeneren Wüsten. Und wenn dem so war, so war derselbe weder ein hübsches, noch auch ein respektables Geschöpf; ich machte nämlich später genaue Bekanntschaft mit seiner Sippe und kann daher mit Bestimmtheit sprechen. Der Cayote ist ein langes, schmächtiges, krank und trübselig aussehendes, mit einem grauen Wolfsfell überzogenes Gerippe mit leidlich buschiger Rute, die stets mit einem verzweifelten Ausdruck von Not und Elend herabhängt, mit scheuem, tückischem Blick und langem, spitzem Gesicht und einer etwas emporgezogenen Lippe, so daß das Gebiß zum Vorschein kommt. Sein ganzes Wesen hat etwas Schleichendes an sich. Der Cayote ist eine lebendige Verkörperung der Not. Er ist stets hungrig. Er ist stets arm, ohne Glück und ohne Freund. Die geringsten Geschöpfe verachten ihn, und wenn die Flöhe die Wahl hätten zwischen ihm und einem Velociped, würden sie letzteres vorziehen! Er ist so mutlos und feige, daß sein ganzer übriger Gesichtsausdruck für die Drohung um Verzeihung bittet, die man in seinem Zähnefletschen finden könnte. Und wie häßlich ist er! – so räudig, so klapperdürr, so struppig und erbärmlich. Wenn er einen erblickt, so zieht er die Lippe ein wenig empor und bleckt die Zähne, biegt etwas von seinem Wege ab, duckt den Kopf ein bißchen und schlägt einen langgestreckten, lautlosen Trab durch die Salbeibüsche an; dabei schaut er von Zeit zu Zeit über die Schulter nach einem zurück, bis er ungefähr aus der gewöhnlichen Pistolenschußweite ist; dann macht er Halt und faßt einen scharf ins Auge; darauf trabt er fünfzig Ellen weiter und hält wieder an und so noch einmal, bis endlich das Grau seines dahingleitenden Körpers sich mit dem Grau der Salbeibüsche mischt und verschwindet. Alles dies ist der Fall, wenn man keine Demonstration gegen ihn macht; geschieht dies aber, dann entfaltet er ein lebhafteres Interesse an seinem Aufbruch, elektrisiert seine Fußsohlen und entfernt sich so schnell von unserer Waffe, daß man, bis der Hahn gespannt ist, schon sieht, daß eine Miniébüchse nötig wäre, und bis man ihn in Schußlinie hat, findet, daß er einer gezogenen Kanone bedürfte, und man, bis er aufs Korn genommen ist, sich sagen muß, daß ihm jetzt höchstens noch ein ungewöhnlich langgezackter Blitzstrahl beikommen könnte. Läßt man einen schnellfüßigen Hund auf ihn los, so verschafft man sich ebenso viel Vergnügen – besonders, wenn der Hund eine gute Meinung von sich hat und aufs Laufen dressiert ist. Der Cayote wird mit sanftem Schwung in jenen trügerischen Trott verfallen und dabei in kurzen Zwischenräumen ein arglistiges Lächeln über die Achsel zurücksenden, das den Hund ganz mit Mut und weltlichem Ehrgeiz erfüllt, so daß er den Kopf noch tiefer senkt, den Hals noch weiter vorstreckt, noch wilder keucht, den Schweif noch gerader hinausstreckt und seine Beine mit noch tollerer Eile tanzen läßt, bis eine immer breitere, höhere und dichtere Wolke von Wüstensand hinter ihm aufwirbelt und seinen weiten Weg über die ebene Fläche bezeichnet! Und diese ganze Zeit über ist der Hund nur elende zwanzig Fuß hinter dem Cayote drein, und – gälte es das Heil seiner Seele – er begreift nicht, warum der Abstand nicht merklich kleiner werden will; und er ärgert sich allmählich und wird schließlich immer toller, wenn er sieht, wie sanft der Cayote dahingleitet ohne Keuchen, ohne Schwitzen und unter fortwährendem Lächeln; und er wird noch immer entrüsteter, wenn er sieht, wie schmählich er sich von einem völlig Fremden hat anführen lassen und was für ein schnöder Schwindel dieser langgestreckte, sanfte, leisetretende Trab ist. Das nächste, was er sodann merkt, ist, daß er zu ermatten anfängt und daß der Cayote in der That seine Gangart etwas mäßigen muß, um ihm nicht davon zu laufen; – jetzt aber ist dieser Stadthund allen Ernstes aus dem Häuschen, er bietet seine Kräfte auf unter Heulen und Fluchen, und wirbelt den Sand toller auf als je, um dem Cayote mit verzweifelter Anstrengung beizukommen. Infolge dieser Kraftleistung befindet er sich nun sechs Fuß hinter seinem davongleitenden Feinde und zwei Meilen weit von seinen Freunden. Als gerade eine neue wilde Hoffnung in seinem Gesichte aufleuchtet, kehrt sich der Cayote noch einmal nach ihm um mit sanftem Lächeln und einem Ausdruck, als wollte er sagen: »Nun, ich werde mich wohl von dir losreißen müssen, mein Junge – allein Geschäft ist Geschäft, und ich kann unmöglich den ganzen Tag mit solchen Narrenpossen vertrödeln« – im nächsten Augenblick hört man etwas durch die Luft sausen und siehe da, einsam und allein steht der Hund mitten in der grenzenlosen Einöde!