„Sag‘ nichts davon, Tom,“ bat er. „Hab‘s versucht, aber ‘s geht nicht, Tom! ‘s ist nichts für mich, pass‘ nicht dafür! Die Witwe ist gut und freundlich gegen mich; aber ich kann‘s nicht aushalten. Jeden Tag weckt sie mich zur selben Zeit, läßt mich waschen — sie schrubben mich noch zu Tode! läßt mich im Bett schlafen; dann soll ich diese verdammten Kleider tragen, die mich ersticken, Tom; sie scheinen gar keine Luft durchzulassen und sind so verteufelt fein, daß ich nicht drin sitzen, liegen, mich nirgends hinwerfen kann. Auf ‘ner Kellertreppe bin ich nicht mehr hinuntergerutscht seit — na, ‘s ist wohl schon Jahre her! In die Kirche gehn soll ich und schwitzen und schwitzen — wie ich diese langweiligen Predigten hasse! Nicht mal ‘ne Fliege fangen darf man, nicht rauchen; dafür soll man alle Sonntage Schuhe tragen! Wenn die Witwe ißt, läutet‘s, wenn sie zu Bett geht, läutet‘s, wenn sie aufsteht, läutet‘s — ‘s ist alles so gräßlich regelmäßig — das halt der Teufel aus!“

„Na, Huck, das muß aber doch jeder.“

„Tom, ich will ‘ne Ausnahme machen; ich bin nicht jeder, ich kann‘s nicht aushalten! ‘s ist schrecklich, so gezogen zu werden. Und ‘s Essen wird einem so bequem gemacht — so macht‘s mir gar keinen Spaß. Soll fragen, wenn ich fischen will, fragen, wenn ich baden will — Herrgott, um jedes und jedes fragen! Na, und dann nicht sprechen dürfen, wie man‘s gewohnt ist. Könnt‘ ich nicht jeden Tag auf den Heuboden und dort ‘n bißchen schwatzen in meiner Manier, ich müßt‘ krepieren, Tom! Die Alte läßt mich auch nicht rauchen und nicht ‘n bißchen brüllen, nicht gähnen — nicht mal kratzen, wenn jemand dabei ist!“ Dann mit einem Ausbruch ganz besonderen Ingrimms: „Und das weiß der Henker — beten tut sie den ganzen Tag! Nie hab‘ ich so ‘n Weib gesehen! Mußte fort, Tom, mußte! — Tom, in all das Elend wär‘ ich nicht gekommen, wär‘ nicht das Geld gewesen! Jetzt sei so gut, Tom, nimm du‘s und gib mir zuweilen zehn Cent — nicht zu oft, denn ich geb‘ nichts um ‘ne Sache, wenn sie nicht schwer zu kriegen ist; und dann — geh‘ hin, bitt‘ mich von der Witwe frei!“

„Ach, Huck, du weißt doch, daß ich das nicht tun kann! ‘s wär‘ unanständig; und dann, wenn du‘s noch ‘ne Weile versuchst, wirst du dich schon dran gewöhnen!“

„Dran gewöhnen! Könnt‘ mich auch wohl an ‘nen heißen Ofen gewöhnen, wenn ich lang‘ genug drauf sitzen müßte! Nein, Tom, ich mag nicht reich sein, und ich will nicht in dem verdammten schläfrigen Hause wohnen. Hab‘ den Wald zu lieb und den Fluß und die Berge — und zu denen will ich zurück! Verdammt! Jetzt, wo wir Geld haben und ‘ne Höhle und alles, was wir als Räuber brauchen, wirft einem so ‘ne verrückte Tollheit alles übern Haufen!“

Tom ersah seinen Vorteil. „Na, weißt du, Huck, das Reichsein hat mich gar nicht davon abgebracht, Räuber zu werden.“

„Nicht! All ihr guten Geister, sprichst du in wirklichem, todsicherem Ernst, Tom?“

„So todsicher, wie ich hier sitze! Aber, Huck, weißt du, wir können dich nicht unter uns aufnehmen, wenn du nicht gut erzogen bist.“

Hucks Freude war schon wieder zu Ende. „Könnt‘s nicht, Tom? Würd‘s nicht als Pirat gehn?“

„Ja, aber das ist ‘n Unterschied. Ein Räuber ist viel was Nobleres, als was so ‘n Pirat ist — für gewöhnlich. In den meisten Ländern sind sie furchtbar nobel! ‘s sind Herzöge dabei und so was!“