„‘ne Menge. Denn hätt‘ sie eine gehabt, so würd‘ sie selbst ‘s ihm gegeben haben! Sie hätt‘ ihr die Gedärme rausgeröstet, ohne mehr zu fühlen, als wenn‘s ein Mensch gewesen wäre!“
Tante Polly fühlte plötzlich Gewissensbisse. Das setzte die Sache in ein neues Licht. Was grausam war gegen eine Katze, mußte auch gegen einen kleinen Burschen grausam sein. Sie begann, zu seufzen, sie fühlte sich traurig. Ihre Augen wurden ein bißchen feucht, sie legte die Hand auf Toms Kopf und sagte freundlich:
„Ich hab‘s gut gemeint, Tom. Und Tom, es hat dir genützt!“
Tom schaute zu ihr auf mit ein bißchen Schelmerei in seinem Ernst und sagte:
„Ich weiß wohl, Tante, daß du‘s gut meintest, und ich meinte es gut mit Peter. Es tat ihm auch gut! Ich hab‘ ihn nie so lustig rumlaufen gesehen —“
„Na, mach, daß du weiter kommst, Tom, ehe du mich wieder ärgerst. Und versuch doch mal ‘n braver Junge zu sein, und du brauchst auch keine Medizin mehr zu nehmen.“
Tom kam sehr frühzeitig zur Schule. Es war bekannt geworden, daß dieses sehr seltene Ereignis in letzter Zeit jeden Tag sich zugetragen hatte. Und dann, wie seit kurzem stets, lungerte er am Tor des Schulhofes, statt mit seinen Kameraden zu spielen. Er sagte, er wäre krank, und er sah auch so aus. Er stellte sich, als sähe er überall hin, wohin seine Blicke tatsächlich beständig gerichtet waren — die Straße hinunter. Plötzlich kam Jeff Thatcher in Sicht und Toms Miene hellte sich aus. Er spähte einen Augenblick angestrengt und wandte sich dann betrübt ab. Als Jeff ankam, hielt ihn Tom an und suchte ihn geschickt über Becky auszuholen, aber der herzlose Jeff tat, als sähe er den Köder gar nicht. Tom wartete und wartete, hoffend, sobald ein wehender Rock in Sicht kam und die Inhaberin desselben verwünschend, sobald er sah, daß es nicht die Rechte war. Schließlich erschienen keine Röcke mehr, und er verfiel in hoffnungslosen Trübsinn. Dann auf einmal kam doch noch ein Rock durchs Tor herein, und Toms Herz tat einen mächtigen Sprung. Im nächsten Moment war er draußen und schoß drauf los wie ein Indianer, springend, lachend, Buben stoßend, mit Risiko von Leib und Leben über den Zaun setzend, Purzelbäume machend, auf dem Kopf stehend — kurz, lauter heroische Dinge verrichtend und fortwährend hinüber schielend, ob Becky Thatcher ihn beobachtete. Aber sie schien von alledem gar nichts wahrzunehmen; sie schaute nicht hin. War es möglich, daß sie seine Anwesenheit wirklich nicht bemerkt hatte? Er betrieb seine Kunststücke in ihrer unmittelbaren Nähe; fuhr, ein Kriegsgeheul ausstoßend, um sie herum, schlug einem Jungen die Mütze herunter, schleuderte sie auf den Schulhof, brach durch eine Gruppe, sie nach allen Richtungen auseinandersprengend und fiel dabei selbst gerade Becky vor die Nase hin, sie fast umstoßend — sie wandte sich ab, das Näschen rümpfend, und er hörte sie sagen:
„Pa! Einige Burschen kommen sich schon sehr wichtig vor — immer müssen sie sich breit machen!“
Tom wurde blutrot. Er rappelte sich auf und trollte davon, zermalmt und mutlos.