»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich mußte ja den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir alles durchstöbern.‹
»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der Daumen an der rechten Hand fehlte. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit:
»›Es ist Zeitverschwendung – er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹
»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber – keine Schläge!‹
»›Also keine Schläge – d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹
»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man einen Ruf:
»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹
»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.
»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter – es schien ein Dutzend Reiter zu sein – und ich hörte nichts mehr.
»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte, um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören – lauschte lange und aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher, unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei auszuhalten hatte. Drei Stunden! – es waren drei Menschenalter! So oft die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren, das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die armen Wehr- und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte erst begonnen.