»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann muß erst geboren werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s nur nicht, mir so aufzuspielen, mein Lämmchen. – Ich kann viel vertragen, aber das vertrag’ ich nicht. Komm hervor hinter dem Schenktisch da, daß ich dich Mores lehre. Du willst uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer Hund. Geh heraus hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen Biedermann mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken zu reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!«
»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen kommt –«
»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen spricht? Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du wütender Mordgeselle! Du hast dir vorgenommen, heut’ morgen jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich gewußt. Mich hast du auf dem Korn, nicht wahr? Mir willst du an den Hals, nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus mit deiner Schlüsselbüchse!«
Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in heller Todesangst über Bänke, Menschen und alles, was ihm im Weg stand, wegsetzte. Inmitten des tollen Getümmels fuhr der Wirt krachend durch eine Glasthüre, und als Arkansas ihm nachsprang, erschien plötzlich die Frau des Wirtes in der Thüröffnung und trat dem Raufbold mit einer Schere entgegen. Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes und blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte sie mit gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne und trat einen Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt für Schritt bis in die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier vor der verwunderten Menge, die sich um sie sammelte und sie mit starrem Staunen betrachtete, eine solche Tracht Zungenhiebe, wie sie vielleicht noch nie einem eingeschüchterten und gründlich beschämten Prahlhans zu teil geworden sind. Als sie zu Ende war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte das Haus von Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem ›Schnaps für die ganze Gesellschaft‹.
Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft war vorüber, Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während der ganzen Zeit, die wir noch auf unserer Insel in Gefangenschaft verbringen mußten, saß einer stets geduckt beiseite, mengte sich nie in einen Streit, ließ nie eine Prahlerei hören und nahm geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die Menge, welche bisher vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich zuschleuderte – und dies war Arkansas.
Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser vom Lande wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war immer noch hoch und reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. Am achten Tage ging sie immer noch zu hoch, als daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen können; allein das Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit, Trunkenheit und Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so machten wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit an Bord und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern hinter uns drein. Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am Bug mit einem Ruder, Ballou ruderte in der Mitte und ich saß im Stern und hielt die Halfter. Als die Pferde den Grund verloren und zu schwimmen anfingen, wurde Ollendorff ängstlich; er fürchtete, die Pferde könnten uns vom Ziel abbringen, und es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an einer gewissen Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen, unfehlbar in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit einen kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir wären mit unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder umgestürzt und ertrunken. Wir mahnten Ollendorff, seine fünf Sinne zusammenzuhalten und sich vorsichtig zu betragen, aber es nutzte nichts. In dem Augenblick, als das Boot ans Ufer stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug umschlug und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während Ballou und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere Ueberzieher sehr hinderlich waren. Aber wir hielten uns an dem Kahn fest, und obwohl wir beinahe den Carson hinabgespült worden wären, gelang es uns zuletzt doch, das Boot ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir waren zwar durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die Pferde halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, wo sie vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann schöpften wir das Boot aus und schafften darin für sie Futter und wollene Decken hinüber, während wir selbst noch einmal in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir uns abermals auf die Reise wagten.
Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue Fährte, und Ollendorff rief stolz:
»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens! Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen, damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.«
Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und frischer aus – nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein. Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt haben – Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!«