Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, daß wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige Rede und auf die gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum das mindeste zu geben sei, Morgan verloren sein müsse. Exgouverneur Roop stützte sein Haupt einige Augenblicke sinnend in die Hand, während die Menge auf seine Entscheidung wartete, dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes abermals nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. Endlich kehrte er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann in gewichtigem Tone:
»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die heute auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, es ist der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch zu entscheiden berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam die Zeugenaussagen angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, ihr überwältigendes Gewicht zu Gunsten des Klägers Hyde spricht. Ich habe ferner mit hohem Interesse den Bemerkungen der Sachwalter zugehört, namentlich die meisterhafte und unwiderlegbare Logik des hochverehrlichen Anwalts, welcher den Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in einem so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis, menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern sehr übel an, uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. Für mich liegt es klar auf der Hand, daß der Himmel in seiner unerforschlichen Weisheit den Rancho des Angeklagten nicht ohne Grund von der Stelle gerückt hat. Wir sind nur Geschöpfe Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es dem Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige und wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden mit der Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, denselben nach einer für seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren Gegend befördern wollte, so steht es uns armen Eintagsfliegen nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des Verfahrens in Frage zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die dabei maßgebend war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und es ist das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. Wir haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch zur Warnung, daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen der Menschen sich mit diesem Ereignis nicht befassen dürfen. Meine Herren, der Wahrspruch des Gerichtshofs lautet, daß der Kläger Richard Hyde seines Ranchos durch die Heimsuchung Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser Entscheidung giebt es keine Berufung.«
Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte damit aus dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. Er hieß Roop laut einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. In seinem Eifer suchte er ihn bei Nacht nochmals auf, machte ihm Vorstellungen wegen seines ungereimten Wahrspruchs und bat ihn inständig, doch einmal eine halbe Stunde in der Stube auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der Spruch denn nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach und stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, bis er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm klar geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans noch immer Hyde gehöre und daß dieser noch gerade soviel Anrecht auf denselben habe wie vorher; deshalb sei er der Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn darunter herauszugraben und –
Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war stets ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. – Es dauerte zwei Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß mit ihm getrieben, sich durch den harten Diamantfels seines Begriffsvermögens hindurch gebohrt hatte.
Vierzehntes Kapitel.
Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete, immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war uns bis dahin noch nicht vorgekommen.
Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen, wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da – wir müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt, deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen, dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte.
Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹. Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte.