Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser sind so stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht und auswringt, man es so rein findet, als ob es durch die Hände der geschicktesten Waschfrau gegangen wäre. Die Wascharbeit machte uns während unseres dortigen Aufenthaltes nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche der Woche einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile weit, und die Sache war bis auf das Auswringen fertig. Wenn wir uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal darauf rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. An wunden Stellen oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das Wasser begreiflicherweise unerträgliche Schmerzen.
Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch Schlangen noch Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. Auf der Oberfläche schwimmen Millionen wilder Enten und Seemöven, dagegen existiert unter derselben kein lebendes Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger, halbzolllanger Wurm, der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht. In einer Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße Farbe. Dann giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer Hausfliege, die sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, die an den Strand gespült werden. Man kann jeder Zeit um den See herum einen zolltiefen, sechs Fuß breiten Gürtel von Fliegen sehen – also einen Gürtel von Fliegen, der hundert Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie, so schwärmen sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange unter Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt man sie los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie ein Bericht aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert von dannen, als wären sie eigens zu dem Zwecke dressiert, der Menschheit auf ihre Weise eine belehrende Unterhaltung zu gewähren. Die Vorsehung läßt nichts planlos geschehen. Ein jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und seinen gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die Wildkatzen fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die Wildkatzen – und so ist alles zur Zufriedenheit geordnet.
Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom Meere, von welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, und doch kommen jedes Jahr Tausende von Seemöven dahin, um ihre Eier zu legen und ihre Jungen aufzuziehen. Man könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und in diesem Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche und Bimsstein bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen Baum noch sonst etwas Brennbares hervorbringen, und da Möveneier keiner Seele das mindeste nützen, wenn sie nicht gekocht sind, so hat die Natur auf der größeren Insel für eine nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der man seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das härteste Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren habe fallen lassen. Keine zehn Fuß weit von der kochenden Quelle befindet sich eine solche von reinem kaltem Wasser, das angenehm und gesund ist. So bekommt man auf dieser Insel Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter gegangen wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert hätte, der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst irgend etwas Auskunft geben zu können – ich würde mir kein angenehmeres Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner Bergwasser fließen in den Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen verläßt denselben, trotzdem nimmt er anscheinend weder zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß an Wasser thut, bleibt ein dunkles Geheimnis.
In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei Jahreszeiten, nämlich den Abzug des einen Winters und die Ankunft des nächsten. Mehr als einmal habe ich in Esmeralda nach glühender Hitze – um acht Uhr morgens zeigte das Thermometer neunzig Grad – vierzehn Zoll hohen Schnee fallen sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends auf vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal in jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst die Witterung, daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang zu machen, ohne ihren Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe in der andern Hand mitzunehmen. Und wenn die Einwohner zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli einen Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe.
Achtzehntes Kapitel.
Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen – es war jetzt Hochsommer – nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen, und, einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tod verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging. Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit – eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der Versuchung nicht zu widerstehen vermochten.
So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert.