In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder. Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört; einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen – sehr viel weg!« – worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches.
Neunzehntes Kapitel.
Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode – der seltsamsten, wie mir scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorgenlosen Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem, wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde. Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.
Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen. Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich Aermster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich kein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz so, wie es aus dem Schachte kam, zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien, während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing; diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer gleichen Formel kundzugeben:
»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!«
Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«, er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor unterdrückter Aufregung.
»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief er in theatralischem Flüsterton.