[1] Band IV: »Leben auf dem Mississippi – Nach dem fernen Westen.«
Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur wurden wir verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem Herrn Harris, der sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein Gespräch, unterbrach sich jedoch mit der Bemerkung: »Ich muß Sie auf einen Augenblick um Entschuldigung bitten; dort drüben steht der Zeuge, der geschworen hat, ich sei bei der Beraubung der kalifornischen Post beteiligt gewesen – eine ganz unverschämte Einmischung, da ich mit dem Menschen gar nicht bekannt bin.«
Darauf ritt er hin und machte dem Betreffenden Vorhalt mit einem sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte sein Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, während Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei nach Hause ritt. Er hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel und mehrere in die Hüften bekommen, und die kleinen Blutströme, die dem Pferd über die Flanken liefen, gaben dem Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später, so oft ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen ersten Tag in Carson denken müssen.
Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war zwei Uhr, und nach Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ los. Mit demselben kam eine aufsteigende Staubwehe, etwa von der Größe der Vereinigten Staaten, welche Nevadas Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab es dabei doch mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz uninteressant war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, lebenden und toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln hin und her flatterten, gingen und kamen, auftauchten und wieder verschwanden – mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, die hoch oben am Himmel hinsegelten; mit Decken, Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln, die etwas tiefer hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und Büffellederröcken; mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten Luftschicht; Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden; zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren in der nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig oder vierzig Fuß Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm auswandernder Dächer und leerer Bauplätze hin.
Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch mehr sehen können, wäre ich imstande gewesen, mir die Augen staubfrei zu halten.
Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine Kleinigkeit. Er bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich Schindeldächer mit, rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, weht dann und wann eine Postkutsche um und verschüttet die Reisenden; und als die Ursache der vielen Kahlköpfe dort zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe den Leuten die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge Leute Jagd auf ihre entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen auf eine Spinne.
Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname für Nevada) ist eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern kein Mensch weiß, ›von wannen er kommt‹, d. h. wo er entsteht. Er kommt geradeswegs über die Berge aus Westen, aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite drüben, ist nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der Höhe des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um dieselbe Stunde, und wer sich während dieser zwölf Stunden auf eine Reise wagt, muß mit dem Winde rechnen, will er nicht ein paar Meilen leewärts von seinem Ziel anlangen. Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher aus Washoe in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig wehen. So ist der Mensch nun einmal!
Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten wir in einem einstöckigen weißen Bretterhause, das im Innern zwei kleine Zimmer enthielt und an der Stirnseite – der Großartigkeit halber – einen auf Stützen ruhenden Dachstock hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab und erfüllte den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen richterlichen Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter, und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern zur Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. Mein Bruder, (›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser Quartier in dem ›Ranch‹ einer würdigen französischen Dame auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan und gehörte zur Gefolgschaft Sr. Excellenz des Gouverneurs. In seinen guten Tagen, als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen Polizei in New York war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in seinem Mißgeschick als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen. Unsere Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus, und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, den feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon darin untergebracht hatten, war immer noch Raum genug für einen Besuch vorhanden – vielleicht sogar für zwei, aber nicht ohne Dehnung der Wände. Uebrigens konnten die Wände eine solche vertragen – wenigstens die Zwischenwände, denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen Schicht groben Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern ausgespannt war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man in seinem dunkeln Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen Licht brannten, so erzählten die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige Geheimnisse! Sehr häufig waren diese Zwischenwände aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken hergestellt; dann war der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und der Aristokratie nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke hatte, während die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken, d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen erregten. Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch ihr Sackleinen durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers Wochenschrift; nicht selten verstiegen sich die Wohlhabenden und Gebildeten sogar bis zu Spucknäpfen und andern Beweisen eines kostspieligen und üppigen Geschmackes. Wir besaßen einen Teppich und ein Waschbecken von echtem Steingut. Infolgedessen wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs der Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften, waren wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen zu verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug mein Quartier bei den titellosen Plebejern in einer der vierzehn weißen, schmalen Bettstellen aus Fichtenholz auf, die in zwei langen Reihen in dem einzigen Zimmer standen, welches das zweite Stockwerk bildete.
Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist hatten sie sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. Als sie in New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft stießen, hatten sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen und sonstige im Territorium abfallende Brocken nichts zu verlieren, vielmehr vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu gewinnen hätten. Sie hießen im Volksmund ›die irische Brigade‹, obwohl sich unter der ganzen Umgebung des Gouverneurs nur vier oder fünf Irländer befanden. Die gutmütige Excellenz war sehr verdrießlich über das Gerede, das seine Leibgarde hervorrief – besonders, als sich das Gerücht verbreitete, es seien bezahlte Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um erforderlichen Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu vermindern!