Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um das Kap Horn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen. Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes, eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit Donnerstimme: »Halt, nicht weiter – hier bin ich! Komm in meine Arme, Geliebte!« –
In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis, daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des Propheten Jonas ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage ertragen, ohne Schaden zu nehmen.
Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb, ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb.
Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor, es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in ungeahntem Glanze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, kranken Bettler verwechselten, der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals.
Belehrendes.
Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen, daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will.