»Nun vergingen wohl dritthalb Minuten, ohne daß wir was von ihm zu sehen kriegten, dann fing es auf einmal an, Steine und Schmutz zu regnen und auch der Kater fiel herunter, etwa zehn Fuß vor dem Fleck wo wir standen. Na, der sah schön aus; ein erbärmlicheres Geschöpf ist mir all mein Lebtag nicht vorgekommen. Ein Ohr saß ihm im Nacken, der Schwanz stand steif in die Höhe, die Augenwimpern waren abgesengt, der Körper ganz von Pulver und Rauch geschwärzt und mit Schlamm und Schmutz überzogen. Wir starrten ihn an und brachten kein Wort heraus – was hätten auch alle Entschuldigungen jetzt nützen können? – Tom Quarz warf einen Blick voll Ekel auf sich selber, dann aber sah er uns an, als wolle er sagen: »Ihr dünkt euch wohl recht schlau, daß ihr einer Katze, die nichts vom neuen Bergbau versteht, so mitgespielt habt – aber ich sehe die Sache von einem andern Gesichtspunkt an.« Damit machte Tom rechtsumkehrt und marschierte nach Hause, ohne noch weiter ein Wort zu verlieren, das war so seine Art.
»Mögen Sie’s nun glauben oder nicht – von der Zeit an gab es in der ganzen Welt keine Katze, die mehr gegen den Quarzbau eingenommen war wie er. Als er endlich wieder anfing, den Schacht zu befahren, verwunderten wir uns alle über seine Schlauheit. Es war wirklich merkwürdig – kaum, daß wir das Pulver zum Sprengen gelegt hatten und die Lunte anzündeten, so warf er uns einen Blick zu, in dem zu lesen stand: »Nun empfehle ich mich Ihnen ergebenst –« im Nu war er dann zum Loch hinaus und auf einen Baum geklettert, so hoch er konnte. Was sage ich – Schlauheit – das ist gar kein Wort dafür; es war eine förmliche Eingebung.«
»Wissen Sie, Herr Baker,« versetzte ich, »wenn man sich auf den Standpunkt des Katers stellt, scheint mir sein Vorurteil eigentlich ganz begreiflich. Haben Sie denn nie versucht, ihn davon zu heilen?«
»Wo denken Sie hin! Nein, wenn Tom Quarz sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, so blieb er dabei durch dick und dünn. Sie hätten ihn, wer weiß wie oft, in die Luft sprengen können, von seiner verfluchten Abneigung gegen den Quarzbau wäre er doch nicht abzubringen gewesen.«
Während Baker dies beredte Zeugnis für die festen Grundsätze seines alten Freundes ablegte, strahlte sein ganzes Gesicht vor Liebe und Stolz. Die Erinnerung daran wird mir stets unvergeßlich bleiben.
Mein Freund Dick Baker war auch sonst ein Tierfreund. In den Wäldern und Bergen des abgelegenen Winkels von Kalifornien hatte er sich mit den Vögeln und Vierfüßlern, welche dort heimisch sind, innig befreundet. Er war fest davon überzeugt, daß er jede Aeußerung dieser Tiere verstand; ebenso wie jener amerikanische Gelehrte, der unlängst in eingehender Weise über die Sprache der Affen ein Werk geschrieben hat.
Dick Baker stellte in dieser Beziehung ganz bestimmte Behauptungen und Regeln auf. Einige Tiere, meinte er, haben nur geringe Bildung genossen, und bedienen sich daher einer ganz einfachen Ausdrucksweise, ohne Bilder und Gleichnisse; andere dagegen verfügen über einen großen Wortschatz, beherrschen die Sprache vollkommen und haben einen freien, fließenden Vortrag. Diese sprechen gern und viel; sie sind sich ihres Talentes bewußt und wollen es zur Geltung bringen. Nach langer und sorgfältiger Beobachtung war Baker zu der Ueberzeugung gekommen, daß es in der ganzen Tierwelt keinen besseren Redner giebt, als den Blauhäher.[5]
[5] Der amerikanische Blauhäher hat ein viel glänzenderes und buntfarbigeres Gefieder als unser gewöhnlicher Eichelhäher.
»Ja,« sagte er, »hinter einen Blauhäher kommt man nicht so leicht! Man glaubt nicht, was für Stimmungen und Gefühle der hat und wie er sie alle auszudrücken versteht. Dabei spricht er nicht etwa alltägliches Zeug – nein, wie ein Buch – die schönsten Redewendungen strömen ihm nur so heraus. Mit der Sprache versteht er umzuspringen wie keiner; ihm fehlt nie ein Wort, das kommt gar nicht vor; ganz ungesucht fließen sie ihm zu. Und noch was habe ich bemerkt: Kein Vogel, keine Kuh oder sonst ein Geschöpf spricht so fein wie der Blauhäher! Eine Katze meint ihr? Jawohl, die spricht freilich fein – aber laßt sie einmal in Aufregung geraten! Wenn sie sich nachts mit einer andern Katze auf dem Dach rauft, dann hört zu, in was für Ausdrücken sie sich ergeht, – es wird einem übel und weh dabei.
»Man kann den Häher wohl mit einem gewissen Recht zu den Vögeln zählen – weil er Federn hat, vielleicht auch weil er keine Steuern zahlt: aber in anderer Beziehung ist er ganz wie unsereins. Denn sehen Sie, ein Häher hat Triebe und Gaben, Gefühle und Interessen, so gut wie ein Mensch. Ein Häher hat keine strengeren Grundsätze als ein Roßkamm. Er stiehlt, er lügt und betrügt, er hintergeht jeden wo er nur kann, kein noch so feierliches Versprechen ist bindend für ihn. Was Pflichttreue ist, kann man ihm nicht begreiflich machen. Der beste Beweis aber ist, daß ein Häher fluchen und schwören kann, wie kein Lümmel weit und breit! – Eine Katze kann auch fluchen und schwören. Jawohl, das kann sie freilich – aber wenn ein Häher ’mal richtig im Zuge ist, so vermag es keine Macht im Himmel und auf Erden mit ihm aufzunehmen. Im Zanken und Schelten ist er Meister, so derb und flink, daß niemand gegen ihn aufkommt.