An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen Bissen – ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf der reservierten Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen vier Uhr nachmittags an die Theaterkasse schlich, um zu sehen, ob Eintrittskarten gelöst worden seien, fand ich sie verschlossen – der Billetverkäufer hatte sich entfernt. Ich mußte heftig schlucken, denn das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf. »Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das hätte ich vorher wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die Flucht zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte ich mir das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal die Stirne bieten. Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu warten, ich mußte dem Greuel ins Angesicht sehen und damit fertig werden. Aehnliche Gefühle mag ein Mensch haben, der gehängt werden soll.

Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater und trat durch eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen von Leinwandkoulissen vorüber nach der Bühne und sah den Zuschauerraum düster und stumm, in entsetzlicher Leere vor mir liegen. Darauf zog ich mich wieder in das Dunkel hinter die Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb Stunden, in Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt war mir jedes Bewußtsein geschwunden.

Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte; lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen. Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge zwischen den Sitzreihen.

Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf, Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze erzielten eine nie geahnte Wirkung.

Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll auf mich gerichteten Auge der Frau K. – Mein neuliches Gespräch mit ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm, ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends. Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken, und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht aufzuklären.

Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen; meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende gut – alles gut.


Anhang.