4. September. – Gestern abend hatten wir eine totale Mondfinsternis, die etwa bis 7.30 dauerte. Zuerst sah man eine schöne rosige Wolke mit zerklüfteter Oberfläche, die aus einem kreisförmigen Rahmen hervortrat – es erinnerte an eine Portion Erdbeereis. Als der Mond zur Hälfte wieder sichtbar war, glich er einer goldenen Eichel in ihrem Näpfchen.
5. September. – Um Mittag kamen wir dicht an den Aequator heran. Ein Matrose erklärte einem jungen Mädchen, das Schiff mache so wenig Fahrt, weil der Erdball in der Mitte eine Ausbuchtung habe, zu der wir emporklimmen müßten; hätten wir erst beim Aequator die höchste Stelle erreicht, dann ginge es bergunter mit Windeseile. Der Mann ist voller Gelehrsamkeit, da kann das Mädchen noch viel profitieren.
Nachmittags. – Wir haben die Linie passiert. Von weitem sah es aus, als breite sich ein blaues Band quer über den Ozean. Mehrere Passagiere machten photographische Aufnahmen. Wir hatten keinen Mummenschanz, keine Narrenspossen und groben Späße, das ist jetzt alles abgeschafft. In früheren Zeiten kam ein als Neptun verkleideter Matrose mit seinem Gefolge über den Schiffsbug gegangen, und jeder, der zum erstenmale die Linie passierte, mußte sich von ihm einseifen und barbieren lassen. Zum Schluß pflegte man die armen Opferlämmer abzuspülen, indem man sie von der Raanocke hinunterließ und dreimal ins Meer tauchte. Dies galt für sehr belustigend – warum, weiß niemand. Das heißt, ja – wir wissen es doch! Auf dem Lande hätten so närrische Veranstaltungen, wie sie ehemals beim Passieren der Linie Sitte waren, nicht die geringste komische Wirkung; man würde sie einfach für albern und sinnlos erklären. Aber die Landratten sollen nur erst einmal zu Schiffe gehen und eine lange Seereise machen, vielleicht wären sie dann anderer Ansicht. Auf solcher Fahrt nehmen die Verstandeskräfte gewaltig ab, und die klügsten Leute geraten bald in eine Gemütsstimmung, bei der sie eine kindische Unterhaltung jeder vernünftigen Beschäftigung vorziehen. Man staunt wirklich oft über die Kindereien, mit denen sich erwachsene Menschen an Bord abgeben und begreift nicht, wie sie dergleichen mit solchem Eifer betreiben und sich so königlich dabei amüsieren können. Ich spreche natürlich nur von langen Seereisen, bei denen der Geist sich allmählich abstumpft und träge und schwerfällig wird. Da verliert man sein gewöhnliches Interesse an höheren Dingen; nur derbe Späße sind noch imstande uns aufzurütteln, und ausgelassene Narretei gewährt uns das größte Vergnügen.
Bei kürzeren Seereisen ist das anders; da hat der Geist nicht Zeit, auf so traurige Art zu versimpeln, und man schafft sich die nötige Körperbewegung durch das Beilkespiel. Auch wir vertrieben uns unterwegs die Zeit damit aufs angenehmste. Vor dem Beginn des Spiels zeichnet der Quartiermeister die nachstehende Kreidefigur auf das Deck, und jeder Spieler erhält vier hölzerne Scheiben von der Größe einer Untertasse, die er mit einer Art Besenstiel, an dem eine hölzerne Mondsichel befestigt ist, durch einen kräftigen Stoß fünfzehn bis zwanzig Fuß weit über das Deck befördern muß, so daß sie in einem der Quadrate landen. Bleibt die geworfene Scheibe dort, bis der erste Gang vorüber ist, so gilt sie so viel wie die Zahl in dem betreffenden Quadrat. Der Gegner muß sich bemühen, die feindliche Scheibe hinauszustoßen, besonders wenn sie auf eine hohe Nummer getroffen hat, und seine eigene an die Stelle zu setzen. Liegt sie aber auf 10 minus so wird er im Gegenteil danach trachten, seine Scheibe so zu schieben, daß der andere Spieler die seinige nicht wieder aus diesem verderblichen Platz herausbringen kann, weil ihm der Zugang versperrt ist. Nach jedem Gang werden die Points gezählt; oft können alle Scheiben mitgerechnet werden, aber die, welche den Kreidestrich berühren, gelten nicht; auch findet manchmal ein großes Scharmützel statt, so daß keine einzige Scheibe mehr in den Quadraten liegt. Wenn eine Partei hundert Points hat, ist das Spiel zu Ende; es dauert meist zwischen zwanzig und dreißig Minuten, was vom Glück und der Bewegung des Schiffes abhängt. Geht die See hoch, so ist man genötigt, die Kraft und Richtung des Stoßes genau abzuwägen. Hebt sich das Schiff, muß man stark stoßen, senkt es sich, so kommt es darauf an Maß zu halten, da sich die Wirkung nicht leicht berechnen läßt. Schwankt das Schiff nach rechts, und man zielt nach der linken oberen Seite der Kreidefigur, so gleitet die Scheibe im Bogen gerade in ein Quadrat hinein, falls man nämlich genau die richtige Stärke getroffen hat. Das Spiel ist aufregend, und die meist sehr zahlreichen Zuschauer lassen es nicht an Beifall oder Hohngelächter fehlen, je nachdem eins oder das andere am Platze ist. Es erfordert auch viel Geschicklichkeit, aber da man sich auf die Bewegung des Schiffes nie verlassen kann, ist es noch mehr Glückssache.
Um zu entscheiden, wer ›Meister des Beilkespiels auf dem Stillen Ozean‹ sein sollte, fochten wir großartige Turniere aus, an denen sich fast alle unsere Mitreisenden männlichen und weiblichen Geschlechts, sowie sämtliche Offiziere beteiligten. Der Kampf wurde viele Tage lang mit großer Hartnäckigkeit fortgesetzt, er war sehr lebhaft und machte uns todmüde, wegen der starken Bewegung, die man bei dem Spiele hat. Schließlich behauptete Herr Thomas, einer der Passagiere, seine unbestrittene Meisterschaft.
Bei einem der kleineren Wettkämpfe hatte ich jedoch den Sieg davongetragen und den ausgesetzten Preis, eine Waterbury-Taschenuhr gewonnen, die ich im Koffer verwahrte. Neun Monate später, in der Stadt Prätoria in Südafrika, nahm ich sie wieder heraus, weil meine eigene Uhr stehen geblieben war, zog sie auf und stellte sie nach der Turmuhr am Parlamentsgebäude auf 8 Uhr 5 Minuten; dann begab ich mich in mein Schlafzimmer und ging früh zu Bette, da ich nach einer langen Eisenbahnfahrt der Ruhe bedurfte. Jene Parlamentsuhr hatte eine ganz verrückte Eigenschaft, die sonst nirgends in der Welt vorkommt, aber das wußte ich damals nicht; sie schlägt nämlich, wenn es halb ist, die nächste volle Stunde und schlägt sie dann abermals zur richtigen Zeit. Eine Weile rauchte und las ich noch im Bett; als ich aber die Augen nicht länger offen halten konnte und eben im Begriff war, das Licht zu löschen, dröhnte es gewaltig vom Turme. Ich zähle zehn Schläge und lange nach meiner Preisuhr, um sie zu vergleichen. Sie stand auf 9.30, war also schon eine halbe Stunde zurückgeblieben. Für eine Dreidollaruhr hatte sie jedenfalls zu geringe Geschwindigkeit, doch glaubte ich, das veränderte Klima sei schuld. Ich stellte sie eine halbe Stunde vor, nahm wieder mein Buch zur Hand und wartete. Es schlug noch einmal zehn; meine Uhr aber zeigte 10.30. Diese übergroße Eile überraschte mich – es war zuviel für das Geld. Nachdem ich die Zeiger um eine halbe Stunde zurückgeschoben hatte, horchte und wartete ich wieder; ich konnte jetzt nicht anders, denn ich war unruhig und ärgerlich und fühlte keine Schläfrigkeit mehr. Nicht lange, so schlug es 11 vom Turme und auf meiner Uhr war es 10.30. Wieder stellte ich sie eine halbe Stunde vor und fing schon an die Geduld zu verlieren. Da schlug es noch einmal 11; als ich aber sah, daß die Waterbury-Uhr auf 11.30 zeigte, schleuderte ich sie gegen den Bettpfosten, daß sie in Stücke ging. Tags darauf, als ich hinter die Geschichte kam, tat mir das freilich leid.
Doch ich kehre zum Schiff zurück. – Der gewöhnliche Durchschnittsmensch ist ein boshaftes Geschöpf, und wenn er das nicht ist, hat er Freude an handgreiflichen Späßen. Für die Person, die ihm als Zielscheibe dient, kommt das auf eins heraus, sie wird jedenfalls zum Opferlamm.