Am 2. Juli 1881, dem Tage, an welchem Präsident Garfield von dem Mörder Guiteau tödlich verwundet wurde, kam in dem kleinen Badeort am Sund von Long Island, wo wir unsere Sommerfrische hielten, ein Brief mit dem Poststempel Melbourne an. Er war an meine Frau adressiert, da ich aber Bascoms Handschrift erkannte, machte ich ihn auf. Der Brief enthielt wie gewöhnlich nur ein paar Zeilen auf einem Papierstreifen, aber ihr Inhalt war sehr merkwürdig und ganz anders als sonst. – Vielleicht könne es den Kummer meiner Frau lindern – so ungefähr lautete das Schreiben – wenn sie erführe, wie erfolgreich die Vorlesungstour ihres Gatten in Australien von Anfang bis zu Ende gewesen sei. Der Briefsteller könne das nach bestem Wissen bezeugen und die Mitteilung hinzufügen, daß der allzu frühe Tod ihres Gatten von der ganzen Bevölkerung aufs tiefste beklagt werde. Sie würde das jedoch ohne Zweifel bereits aus Zeitungstelegrammen ersehen haben. Alle Beamten und Würdenträger der Kolonie und der städtischen Regierung wären bei dem Begräbnis zugegen gewesen. Schreiber dieser Zeilen hätte zwar leider Melbourne nicht mehr rechtzeitig erreichen können, um die Leiche noch einmal zu sehen, doch hätte er es sich nicht versagen wollen, als Freund der Familie wenigstens unter den Hauptleidtragenden zu sein.

Unterschrieben: ›Henry Bascom‹.

Wenn er doch den Sarg hätte öffnen lassen! Das war mein erster Gedanke. Er würde sich dann überzeugt haben, daß es die Leiche eines Betrügers war, er hätte sie öffentlich versteigern und mir das Geld schicken können und das ganze Trauergefolge, samt der betrübten Regierung, würde sich die Tränen aus den Augen gewischt haben.

Damals ließ ich die Sache auf sich beruhen. Ich hatte schon früher mehrmals die Polizei in Anspruch genommen, um mich gegen meine lebendigen Vorlesungs-Doppelgänger in Amerika zu schützen; doch war man ihrer niemals habhaft geworden. Auch andere meiner Kollegen hatten umsonst versucht, ihre betrügerischen Duplikate zu entlarven. Was sollte es da wohl nützen, einen abgeschiedenen Geist zu beunruhigen? – So störte ich denn seinen Frieden nicht; aber neugierig war ich doch, Näheres über die Vorlesungstour jenes Menschen und seine letzten Lebensstunden zu erfahren. Ich wollte warten, bis ich Bascom wiedersähe, und mir alles von ihm erzählen lassen; er starb jedoch, ohne daß wir uns zuvor noch einmal im Leben trafen, und dann dachte ich nicht mehr an jenes Ereignis.

Als ich jedoch die Reise nach Australien plante, war meine Neugier wieder erwacht. Sehr natürlich – denn, wenn die Zuhörer meiner Vorlesungen etwa gesagt hätten, ich sei recht fade und langweilig, im Vergleich zu dem, was ich vor meinem Tode gewesen, so würde die Einnahme darunter gelitten haben.

Wie sehr war ich nun überrascht, als mir die Zeitungsredakteure in Sydney sagten, sie hätten von jenem Betrüger noch nie etwas gehört. Ich mochte sie ausfragen so viel ich wollte, sie wußten nichts von ihm und zweifelten an der ganzen Geschichte. Mir war das unverständlich; doch glaubte ich, in Melbourne würde sich die Sache leicht aufklären lassen. Die Regierung und das übrige Trauergefolge mußten sich doch noch an den Leichenzug erinnern. Bei dem Festessen, das mir die Journalisten gaben, stellte sich jedoch heraus, daß auch sie nichts hatten verlauten hören und mir keine Auskunft geben konnten.

So blieb, zu meiner großen Enttäuschung, das Geheimnis nach wie vor in Dunkel gehüllt. Ich hoffte nun nicht mehr, daß ich die Lösung des Rätsels noch auf Erden erfahren würde und suchte mir die Sache aus dem Sinne zu schlagen. Aber endlich, gerade als ich es am wenigsten erwartete – doch nein, hier ist nicht der richtige Platz, um die übrige Geschichte zu erzählen; ich werde in einem viel späteren Kapitel wieder darauf zurückkommen.


Die Stadt Melbourne hat eine ungeheure Ausdehnung und Bauwerke von hervorragender Pracht und Größe. Ihre Straßenbahnen sind vortrefflich, sie besitzt Museen, höhere und niedere Schulen, öffentliche Gärten, Gas, Elektrizität, Bibliotheken und Theater. Sie ist der Mittelpunkt für den Bergbau, die Wollindustrie, für Kunst und Wissenschaft, man findet dort Gewerkvereine, Schiffe, Eisenbahnen, einen Hafen, gesellige Vereinigungen, Journalistenklubs, Rennvereine und einen Klub der Squatter, dem ein wundervoll eingerichtetes Haus gehört, auch so viele Banken und Kirchen, wie irgend nebeneinander bestehen können. Kurz, Melbourne hat alles, was zur modernen Großstadt gehört; es ist die bedeutendste Stadt auf dem australischen Festland und den Inseln und füllt ihren Posten als solche mit Ehre und Würde aus. Einen besonderen Vorzug besitzt es aber noch, den man nicht mit andern Dingen zusammenwerfen darf. Es ist nämlich das Zentrum für den Kultus des Pferderennens. Sein Rennplatz ist das Mekka von Australien.

Am 5. November, dem alljährlichen Festopfertag, stehen auf einer Strecke, die länger ist, als von New York nach San Francisco, und breiter als von den nördlichen Seen bis zum Golf von Mexiko, sämtliche Geschäfte völlig still; Männer und Frauen jedes Standes und Ranges, deren Mittel es erlauben, lassen daheim alles stehen und liegen, und kommen herbeigeströmt. Schon zwei Wochen vor dem bestimmten Tage beginnen die Scharen sich zu Schiffe und mit der Eisenbahn einzufinden; täglich erscheinen sie in immer dichteren Schwärmen, bis alle Transportmittel die Last kaum mehr zu bewältigen vermögen und die Hotels und Wohnhäuser von oben bis unten vollgestopft sind. Zu Hunderttausenden sieht man sie anmarschieren, wie glaubwürdige Zeugen versichern, um den Riesenplatz und die Tribünen zu füllen. In ganz Australien bekommt man nirgends ein ähnliches Schauspiel zu Gesicht.