Der Scrub erstreckt sein grünes Dickicht viele Meilen weit nach allen Richtungen und sieht aus wie ein plattes Dach, in dem weder Riß noch Spalte ist, oder wie eine große Decke ohne Naht. Sich im Scrub zurecht zu finden ist ein Ding der Unmöglichkeit, er ist pfadlos wie eine Wasserwüste. Und doch sagt man, daß der Eingeborene verirrte Wanderer im Scrub, im Busch und in der Wüste aufspüren, ja ihnen selbst über nackte Felsen oder Sandbänke folgen kann, von denen die Fluten jede Spur eines Fußtritts hinweggespült haben.
Sowohl aus australischen Büchern, wie aus den mündlichen Schilderungen, die mir gemacht wurden, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß der eingeborene Pfadfinder so viel Schlauheit, Scharfblick, Klugheit und Beobachtungsgabe besitzt, wie man es bei keinem Volke der Erde, weder unter Weißen noch Farbigen wiederfindet. In einer von der Regierung der Provinz Victoria veröffentlichten Beschreibung der Negerbevölkerung Australiens, heißt es unter anderm, daß der Eingeborene nicht nur an der Rinde des Baumes die schwache Spur entdeckt, welche das Opossum beim Klettern zurückläßt, sondern auch irgendwie zu erkennen vermag, ob die Spur von gestern oder erst von heute herrührt.
Man sagt, der Ansiedler A habe einmal mit seinem Nachbar B eine Wette gemacht, daß ein Eingeborener B’s Kuh wiederfinden würde, wo und wie er sie auch verbergen möchte. B zeigte dem Eingeborenen die Fußspuren der Kuh und läßt ihn dann einschließen und bewachen. Hierauf führt er das Tier auf eine Straße, von der nach allen Seiten Kreuzwege abzweigen und die mehrmals wieder in der Runde zurückführt. Er wählt die schwierigsten Pfade aus, treibt das Tier öfters durch große Kuhherden, wo seine Spur unter den andern Rindern ganz verloren geht, und bringt die Kuh schließlich wieder nach Hause. Nun entläßt man den Eingeborenen aus seinem Gewahrsam, worauf er sofort im Kreise herumgeht und die Fußspuren aller Kühe solange untersucht, bis er die richtigen gefunden hat; dann folgt er den verschlungenen Wanderungen der Kuh, ohne sich beirren zu lassen und entdeckt sie zuletzt wirklich in dem Stall, wo B das Tier verborgen hat. Nun sage mir einmal jemand, wodurch sich die Spuren der einen Kuh von denen einer andern unterscheiden? Es muß irgend ein Unterschied vorhanden sein, sonst könnte der Eingeborene sein Kunststück nicht ausführen. Und wie merkwürdig, daß für den Abkömmling einer Rasse, von der viele behaupten, sie stehe auf der niedrigsten geistigen Stufe menschlicher Entwicklung, dieser wesenlose, schattenhafte Unterschied erkennbar ist, welchen weder ich, noch einer meiner Volksgenossen – selbst nicht der verstorbene Sherlock Holmes[6] – imstande wäre aufzuspüren.
Neunzehntes Kapitel.
Es ist leichter gar nicht hineinzugehen als wieder herauszukommen.
Querkopf Wilsons Kalender.
Der Zug kam jetzt auf seiner Fahrt durch ein freundliches Hügelland und schlängelte sich an lachenden, grünen Tälern vorüber. Wir sahen Gummibäume der verschiedensten Art, darunter wahre Riesen. Einige hatten die Form und Rinde von Sykomoren, andere sahen höchst absonderlich aus und erinnerten an die seltsamen Apfelbäume auf japanischen Bildern. Ein ganz prächtiger Baum war mir völlig unbekannt; er trug Tannennadeln in großen Büscheln, die untere Hälfte hatte eine glänzend braune oder dunkle Goldfarbe, der obere Teil ein kräftiges, lebhaftes, beinahe schreiendes Grün – die Farbenwirkung war zauberhaft. Der Baum muß wohl sehr selten sein; alle Exemplare, welche wir zu sehen bekamen, standen auf einer Strecke, durch die wir in einer halben Stunde fuhren. Noch ein anderer Baum fiel mir auf, eine Art Fichte, wie man uns sagte. Die grüne Masse seines Laubwerks schien aus haarfeinen Fäden gewoben und wölbte sich als Krone über dem geraden, kahlen Stamme, wie eine aufsteigende zarte Rauchwolke. Er wuchs nicht gesellig in Gruppen oder Paaren; jeder einzelne Baum stand abgesondert von seinem Nachbar da. So verteilten sie sich in ihrer einsamen Größe weit über Abhänge und grasbewachsene, schwellende Hügel, wo der herrlichste Sonnenschein sie umflutete. Und so lange man den Baum noch erblicken konnte, sah man auch seinen kohlschwarzen Schatten auf dem glänzend grünen Teppich an seinem Fuß.
Wir fuhren häufig an blühenden Ginsterbüschen vorbei; die Pflanze ist aus England eingeführt. Ein Herr, der vorübergehend in unser Coupé kam, wollte mir den Unterschied zwischen gemeinem Ginster und Stechginster erklären; es wurde ihm jedoch schwer, da er ihn selbst nicht wußte. Zur Entschuldigung seiner Unkenntnis sagte er: vor diese Frage sei er im Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, die er bereits in Australien lebe, noch niemals gestellt worden, und so hätte er sich nicht damit abgegeben. Zu entschuldigen brauchte er sich eigentlich kaum, denn nichts ist so allgemein verbreitet wie diese Untugend. Um alles Neue und Fremdartige bekümmern wir uns, aber sich für das Nächstliegende zu interessieren verstößt gegen die menschliche Natur. – Die verschiedenen Ginsterarten bildeten einen großen Schmuck der Landschaft. Hier und da hob sich plötzlich ihr grelles Gelb mit so leuchtendem Schein von dem düstern Hintergrund ab, daß man den Atem anhalten mußte vor Staunen und Ueberraschung. Dazu kam noch die einheimische Akazie mit ihrer üppigen Fülle goldgelber Blüten. Sie wächst als Busch oder Baum und ist wegen ihres Wohlgeruchs bei den Australiern sehr beliebt, denn den meisten dortigen Blumen fehlt der Duft.
Der Herr, dem ich den Mangel an Belehrung über die Ginsterarten verdankte, erzählte mir, er sei vor fünfzig Jahren mit sechsunddreißig Schillingen in der Tasche aus England in die Provinz Südaustralien eingewandert. Er kam als Abenteurer, ohne Gewerbe, ohne Beruf, ohne Freunde, doch hatte er ein bestimmtes Ziel vor Augen: er wollte im Lande bleiben, bis er sich 200 Pfund Sterling erworben hatte und dann wieder nach der Heimat zurückkehren. In fünf Jahren hoffte er dies Vermögen zu sammeln.
»Das ist jetzt über fünfzig Jahre her,« fügte er hinzu, »und ich bin noch immer da.«