Wir besitzen in unserm Lande drei unschätzbare Güter, für die wir Gott gar nicht genug danken können: Redefreiheit, Gewissensfreiheit und die Klugheit, uns weder der ersteren noch der letzteren jemals zu bedienen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Ehe ich nach Australien kam, hatte ich überhaupt noch nie von dem ›Weetweet‹ reden hören, auch sind mir nur wenige Leute begegnet, die selbst gesehen hatten, wie man es wirft. Es gleicht einer dicken hölzernen Zigarre, welche man mit dem stumpfen Ende an einen biegsamen Zweig befestigt hat; das ganze Ding ist ein paar Fuß lang, wiegt aber kaum zwei Lot. Man schnellt es nicht in die Luft, sondern wirft es eine Strecke weit vor sich auf den Boden, von dem es abspringt, um ihn in langen Sätzen immer wieder zu berühren, wie der flache Stein, den ein Knabe über das Wasser hüpfen läßt. Freilich, der Stein findet auf der glatten Fläche keinerlei Hindernis; ein Mann kann ihn mit starkem Arm fünfzig bis fünfundsiebzig Meter weit springen lassen. Das ›Weetweet‹ hat es viel schwerer, denn es trifft bald auf Gras, bald auf Sand und Erde, und doch hat ein geschickter Eingeborener es schon zweihundert und zwanzig Meter weit hüpfen lassen, bis das Gestrüpp von Farnkraut und Unterholz ihm den Weg versperrten. Hätte nicht Mr. Brough Smyth dies mit eigenen Augen gesehen, die Strecke ausgemessen und die Tatsache in seinem Buch über das Leben der Eingeborenen verzeichnet, das er im Auftrag der Regierung von Viktoria geschrieben hat, so würde ich es für unmöglich erklären, daß ein so federleichtes Ding auf unebenem Boden so weit springen kann. Wie wird aber dies Kunststück gemacht? – Niemand weiß das; es verstößt anscheinend gegen alle Gesetze der Natur, und keiner hat mir das Rätsel lösen können.

Mein Ansiedler sagte, das ›Weetweet‹ sei fast ebenso wunderbar wie der Bumerang; er hätte es in seiner Jugend ganz unglaublich weit fliegen sehen. Der Missionar J. G. Wood findet eine große Aehnlichkeit zwischen den Sprüngen des ›Weetweet‹ und denen einer Känguruh-Ratte, die angstvoll vor ihren Verfolgern flieht und den langen Schwanz nachschleppt. »Das ›Weetweet‹,« sagt er, »schießt mit dem zischenden, unheilverkündenden Laut einer Flintenkugel durch die Luft, erhebt sich aber höchstens sieben oder acht Fuß vom Boden; es ist ganz erstaunlich, wie weit die Australneger es werfen können.«

Sie müssen wirklich einen gehörigen Vorrat von Scharfsinn und Schlauheit besessen haben, diese nackten, spindeldürren Eingeborenen, wie hätten sie sonst so unnachahmliche Pfadfinder, so unvergleichliche Bumerang- und Weetweet-Werfer sein können! Wahrscheinlich ist es dem Rassenhaß zuzuschreiben, daß man so lange in der ganzen Welt der Meinung war und noch heutzutage behauptet, sie stünden auf einer der niedrigsten geistigen Stufen.

Träge sind sie allezeit gewesen, das ist wahr, und Trägheit ist ein schlimmer Fehler, der Todfeind jedes höheren Strebens. Sie hätten doch gewiß die Kunst erfinden können, wie man ein ordentliches Haus baut, oder wie man das Land urbar macht und bepflanzt, aber das taten sie nicht. Sie hatten kein Obdach, gingen nackt einher, nährten sich von Fischen, Früchten, Beeren und mancherlei Gewürm und blieben bei all ihrer Schlauheit doch nach wie vor echte Wilde.

Ihr Land, in dem sie hätten wachsen und sich mehren sollen, war so groß wie die Vereinigten Staaten, und ansteckende Krankheiten wurden ihnen erst durch die Weißen gebracht, nebst den anderen Wohltaten der Zivilisation. Trotzdem hat die australische Rasse wohl zu keiner Zeit mehr als 100 000 Köpfe gezählt. Die Ureinwohner duldeten keine Uebervölkerung; sie beschränkten ihre Zahl mit allem Fleiß, teils durch Kindermord, teils durch gewisse andere Methoden. Als sie jedoch mit den Weißen in Berührung kamen, brauchten sie sich in dieser Beziehung nicht länger zu bemühen.

Die Zunahme der Bevölkerung zu hindern, verstand der Weiße noch viel besser als der Eingeborene; er konnte die Zahl der Ureinwohner eines Landes binnen zwanzig Jahren um achtzig Prozent verringern. So weit hatte es der Australneger noch nie gebracht.

Als die Engländer in den dreißiger Jahren zuerst in Australien landeten, sollen in der jetzigen Kolonie Viktoria noch 4500 Eingeborene gelebt haben; davon kamen 1000 auf das sogenannte ›Gippsland‹ von denen nach vierzig Jahren etwa 200 übrig waren. Der Geelong-Stamm schmolz noch rascher zusammen: nach zwanzig Jahren lebten von 173 Leuten noch 34 und nach abermals zwanzig Jahren war nur noch ein einziger Mann am Leben. Die beiden Melbourne-Stämme zählten 300 Köpfe, und 1875, als die Weißen siebenunddreißig Jahre im Lande waren, höchstens 20. Zwar haben sich noch hier und da Ueberreste verschiedener Stämme in der Kolonie Viktoria erhalten, aber Vollblut-Eingeborene sollen jetzt, wie man mir sagt, eine große Seltenheit sein; nur in den ausgedehnten Länderstrecken von Queensland trifft man sie noch in ziemlicher Menge.

Die ersten Weißen waren nicht an den Verkehr mit Wilden gewöhnt. Sie kannten nicht einmal das Grundgesetz der Eingeborenen, wonach der ganze Stamm für jede Unbill verantwortlich ist, die einer seiner Angehörigen jemand zugefügt hat. Man darf sich an jedem einzelnen dafür rächen, ohne erst lange nach dem Schuldigen zu suchen. Wenn nun ein Weißer einen Neger tötete, so handelten die Eingeborenen nach ihrem uralten Gesetz und brachten den ersten besten Weißen um, der ihren Weg kreuzte. Das kam den Europäern ganz schauderhaft vor und sie hielten es in ihrer Entrüstung für völlig gerechtfertigt, derartige Geschöpfe vom Erdboden zu vertilgen. Zwar brachten sie nicht alle Schwarzen um, aber doch so viele, als es ihre eigene Sicherheit verlangte. Diese Vorsichtsmaßregel haben sie von Anbeginn der Zivilisation bis auf den heutigen Tag stets angewendet.