Das Heilverfahren schien mir sehr empfehlenswert und ich riet es einer Dame an. Sie war sehr leidend und wurde immer schwächer, bis ihr zuletzt keine Arznei mehr helfen wollte. Als ich ihr sagte, ich könnte sie ohne allen Zweifel in acht Tagen wieder gesund machen, bekam sie neuen Mut und versprach, meine Ratschläge pünktlich zu befolgen. Nun sagte ich ihr, sie solle vier Tage lang weder trinken, noch fluchen, noch rauchen, noch zu viel essen, dann würde sie ganz hergestellt sein. Und ich weiß, meine Prophezeiung wäre auch eingetroffen; aber sie meinte, sie könne nicht aufhören zu rauchen, zu fluchen und zu trinken, weil sie so etwas überhaupt noch nie getan hätte. Da lag der Hase im Pfeffer: sie besaß gar keine Angewohnheiten, an die sie sich jetzt hätte halten können. Da sie versäumt hatte sich rechtzeitig einen Vorrat anzulegen, der ihr im Notfall zu gute käme, war ihr nicht mehr zu helfen. Sie glich einem sinkenden Schiff, das keinen Ballast hat, den man über Bord werfen kann, um das Fahrzeug zu retten. Irgend ein paar schlechte Gewohnheiten hätten sie noch retten können, aber es fand sich nichts bei ihr vor, sie war die reinste moralische Bettlerin. Als sie noch jung genug war, um sich dies oder jenes anzugewöhnen, hinderten ihre Eltern sie daran, die zwar in der besten Gesellschaft lebten, aber die Unwissenheit selber waren. Man muß für dergleichen in der Kindheit sorgen; wenn erst Alter und Krankheit kommen, läßt sich nichts mehr nachholen, und man hat kein Mittel in der Hand, um sie zu bekämpfen.

Als junger Mensch faßte ich, wie gesagt, oft die besten Vorsätze und gelobte auch sie auszuführen, aber ich habe es nie gekonnt, weil ich meine Gewohnheiten nicht bei der Wurzel packte und das böse Verlangen ausriß; mehr als einen Monat setzte ich die Tugend nie durch. Einmal versuchte ich Maß zu halten und eine Weile ging es auch gut. Ich hatte mich verpflichtet, täglich nur eine Zigarre zu rauchen; das schob ich immer auf bis zur Schlafenszeit, und dann schmeckte sie mir wundervoll. Aber das Verlangen verfolgte mich Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend. Vor Ablauf einer Woche fing ich an, mich nach größern Zigarren umzusehen, als ich zu rauchen gewohnt war; dann wählte ich noch größere und immer größere. Als vierzehn Tage um waren, bestellte ich mir besondere Zigarren; sie wuchsen fort und fort. Am Ende des Monats war meine Zigarre zu solcher Länge und Dicke gediehen, daß ich sie als Krückstock hätte brauchen können. Da erkannte ich denn, daß es töricht sei, sich auf eine Zigarre zu beschränken, weil es den Menschen doch nicht vor dem Verlangen schützt. Also warf ich mein Versprechen über den Haufen und war wieder ein freier Mann.

Doch, um wieder auf den jungen Kanadier zu kommen: er war auf ›Monatsgeld gesetzt‹, eine Einrichtung, von der ich bisher noch nie gehört hatte und die ich mir von den Passagieren erklären ließ. Die angesehenen Familien in England und Kanada pflegen nämlich ihre Taugenichtse nicht auszustoßen, solange noch irgend welche Hoffnung für sie vorhanden ist. Schwindet aber endlich jede Aussicht auf Besserung, dann wird der Tunichtgut eingeschifft und bekommt nur so viel Geld in die Tasche – nein, in des Zahlmeisters Tasche – um die Reisebedürfnisse zu bestreiten. Erreicht er den Ort seiner Bestimmung, so erwartet ihn dort ein Monatsgeld, und vier Wochen später trifft wieder ein Wechsel im gleichen – nicht sehr hohen – Betrage ein. Damit pflegt er unverzüglich seine monatliche Kost und Wohnung zu bezahlen – der Hauswirt sorgt dafür, daß er diese Pflicht nicht vergißt – und den Rest noch am selben Abend zu verprassen. Dann treibt er sich müßig, voll Kummer, Not und Schwermut umher, bis der nächste Wechsel kommt. Ein solches Leben erweckt das tiefste Mitgefühl.

Wir hatten noch zwei andere Taugenichtse an Bord, die aber dem Kanadier in keiner Weise glichen; sie besaßen weder seinen Verstand noch seine hübsche Außenseite, weder sein anständiges Wesen noch seine Entschlossenheit, Großmut und Höflichkeit. Der eine mochte etwa zwanzig Jahre zählen, war aber in Kleidung, Sitte und äußerer Erscheinung eine lebendige Ruine. Er behauptete der Sprößling eines herzoglichen Hauses in England zu sein, den man, um der Familie willen, nach Kanada eingeschifft hatte, wo er alsbald in Ungelegenheiten geraten war; jetzt wurde er nach Australien befördert. Einen Titel hatte er nicht, wie er sagte; im übrigen ging er jedoch sehr sparsam mit der Wahrheit um. Bei seiner Ankunft in Australien brachte er es gleich so weit, daß man ihn ins Loch steckte, und am nächsten Morgen gab er sich bei dem Verhör auf dem Polizeiamt für einen Grafen aus, konnte aber den Beweis für diese Behauptung nicht liefern.

Zweites Kapitel.

Im Zweifelsfall sprich die Wahrheit!

Querkopf Wilsons Kalender.

Am fünften Tag nachdem wir Victoria verlassen hatten, wurde das Wetter heiß und alle männlichen Passagiere an Bord erschienen in weißen Leinwandanzügen. Einige Tage später passierten wir den 25. Grad nördlicher Breite, worauf sämtliche Schiffsoffiziere auf Befehl die blaue Uniform ablegten und sich in weiße Leinwand kleideten. Auch die Damen waren bereits ganz in Weiß. Auf dem Promenadendeck sah es so verlockend kühl und vergnüglich aus, von allen den schneeweißen Kostümen, wie bei einem großen Picknick.

Aus meinem Tagebuch:

Es gibt mancherlei Uebel in der Welt, denen der Mensch nie ganz entfliehen kann, er mag reisen so weit er will. Ist man dem einen glücklich entgangen, so fällt man dem andern sicherlich in die Klauen. Die Lügengeschichten von Seeschlangen und Haifischen sind wir endlich los geworden, das ist ein tröstlicher Gedanke. Aber nun kommen wir in das Bereich des Bumerangs, und es wird uns wieder weh zu Mute. Der erste Offizier erzählte, er habe einen Mann gesehen, der sich vor seinem Feinde hinter einem Baum versteckte; aber der Feind schleuderte seinen Bumerang hoch in die Luft, daß er weit fortflog, dann kam er zurück, fiel herunter und tötete den Mann hinter dem Baum. Der nach Australien bestimmte Passagier hatte gesehen, wie dasselbe Geschick zwei Männer hinter zwei Bäumen ereilte und zwar mit ein und demselben Wurf des Bumerangs.