Zehn Jahre darauf sah ich Grant zum zweitenmal. Ich war inzwischen eine bekannte Persönlichkeit geworden und hatte den Auftrag erhalten, bei einem Bankett, das die Armee von Tennessee dem General nach seiner Rückkehr von der Reise um die Welt in Chicago gab, einen längeren Toast auszubringen. Mitten in der Nacht war ich angekommen und stand morgens spät auf. Alle Treppen und Gänge des Hotels waren dicht voll Menschen, die General Grant erwarteten, der sich auf den für ihn bestimmten Platz begeben sollte, wo der große Festzug vorüberzog. Ich drängte mich an einer ganzen Reihe von überfüllten Wohnzimmern vorbei, bis ich endlich an der Ecke des Hauses ein offenes Fenster sah, das auf eine geräumige, mit Teppichen und Fahnen geschmückte Plattform hinausging. Als ich sie betrat, gewahrte ich unter mir Millionen von Menschen, welche die Straßen besetzt hatten; weitere Millionen schauten aus allen Fenstern und von den Hausdächern rings umher. Diese Menschenmassen hielten mich alle für General Grant und brachen in donnernde Hochrufe aus. Es war aber ein sehr guter Platz um den Festzug zu sehen, deshalb blieb ich dort.
Nicht lange, so ertönte von ferne Militärmusik; der Zug kam die Straße herauf und machte sich Bahn durch die jubelnde Menge. An der Spitze ritt Sheridan, die kriegerischste Gestalt aus dem ganzen Feldzug, in seiner Generalleutnants-Uniform.
Da trat General Grant Arm in Arm mit Major Harrison auf die Plattform; ihm folgten paarweise im Galaanzug die Mitglieder des Empfangskomités mit ihren Abzeichen. Der General sah genau so aus wie vor zehn Jahren bei jenem unangenehmen Besuch, eisern und unnahbar in seiner unerschütterlichen Selbstbeherrschung. Harrison kam und führte mich zu Grant, dem er mich feierlich vorstellte. Aber ehe ich noch die passenden Worte finden konnte, sagte der General:
»Herr Clemens, Sie sind wohl in Verlegenheit? Ich nicht.« Und dabei blitzte wieder, wie vor zehn Jahren, jenes schwache Lächeln in seinen Zügen auf.
Seitdem sind siebzehn Jahre vergangen, und während ich dies schreibe ist ganz New York auf den Straßen versammelt, um den sterblichen Ueberresten des großen Kriegers, die man zu ihrem letzten Ruheplatz unter dem Denkmal trägt, das Ehrengeleit zu geben. Kanonenschüsse und Trauergeläute schallen durch die Lüfte und viele Millionen Amerikaner gedenken des Mannes, der die Union gerettet, ihr Banner hochgehalten und der Volksregierung zu neuem Leben verholfen hat, so daß sie unter den segensreichen menschlichen Institutionen ihren Platz dauernd behaupten wird, wie wir hoffen und glauben.
Eine Geschichte ohne Ende.
Abends, wenn wir Männer uns nach dem öden, einförmigen Tageslauf im Rauchzimmer erfrischen wollten, vertrieben wir uns manchmal die Zeit damit, unvollendete Geschichten zu vervollständigen. Das heißt, jemand erzählte eine Geschichte bis auf das Ende und die andern versuchten den Schluß aus eigener Erfindung zu ergänzen. Wenn jeder, der wollte, seine Lesart zum besten gegeben hatte, fügte der erste Erzähler den ursprünglichen Schluß hinzu und überließ uns die Wahl. Manchmal gefiel uns eines der neuen Enden besser als das alte. Eine Geschichte jedoch, mit der wir uns am eifrigsten und längsten beschäftigten, hatte überhaupt keinen Schluß, man konnte daher auch keinen Vergleich anstellen, ob eine unserer Erfindungen besser gewesen wäre. Der Erzähler sagte, er könne die einzelnen Tatsachen nur bis zu einem gewissen Punkte berichten, weiter wisse er selber nichts. Er hätte die Geschichte vor fünfundzwanzig Jahren gelesen, sei aber unterbrochen worden, ehe er ans Ende kam. Nun wolle er demjenigen, der einen befriedigenden Schluß dazu fände, fünfzig Dollars geben; wir möchten Richter aus unserer Mitte wählen, die zu entscheiden hätten, wem der Preis gebühre. Das taten wir und gingen der Geschichte wacker zu Leibe; aber, obgleich wir uns dies und jenes Ende ausdachten, so verwarfen die Richter doch alles, was vorgebracht wurde – und sie hatten recht. Einen befriedigenden Schluß für diese Geschichte hätte nur der Verfasser selbst möglicherweise finden können, und wenn ihm das gelungen ist, so möchte ich wohl wissen wie. Ihr Inhalt ist etwa folgender:
John Brown, ein guter, sanfter, ängstlicher und schüchterner Mensch von einunddreißig Jahren, wohnte in einem friedlichen Dorfe des Staates Missouri, wo er das Amt eines Vorstands der presbyterianischen Sonntagsschule bekleidete. Das war an sich nichts Großes, aber doch das Einzige, womit er in die Öffentlichkeit trat. Er betrieb es mit Treue und Eifer und war in aller Bescheidenheit stolz darauf. Jedermann kannte seine große Menschenfreundlichkeit und die Leute sagten, er sei ganz aus Güte und Schüchternheit zusammengesetzt. Auf seine Hilfe könne man immer rechnen, wo sie gebraucht werde und auch auf seine Schüchternheit, mochte sie am Platze sein oder nicht.
Mary Taylor, ein sittsames, liebenswürdiges und schönes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, war sein ein und alles, und auch ihr Herz gehörte ihm fast ganz. Noch schwankte sie zwar, ob sie ihm ihr Jawort geben sollte, aber er war doch voller Hoffnung. Ihre Mutter hatte im Anfang allerlei Einwendungen gehabt; jetzt neigte sie sich zu seinen Gunsten. Offenbar hatte sein warmes Interesse für ihre beiden Schützlinge und seine Beisteuer zu deren Unterhalt ihr Herz gerührt und erobert. Diese Schützlinge waren nämlich zwei alte einsame Schwestern, die in einer Holzhütte an einem entlegenen Kreuzweg, vier Meilen weit von Frau Taylors Farm wohnten. Eine der Schwestern war irrsinnig und manchmal sogar gewalttätig, aber das kam nicht häufig vor.
Eines Tages glaubte Brown, daß der rechte Augenblick für den entscheidenden Antrag gekommen sei. Er nahm allen Mut zusammen und beschloß, der Mutter, um sie günstig zu stimmen, die doppelte Summe wie gewöhnlich zu überreichen. War erst ihr Widerstand gebrochen, so durfte er eines schnellen Sieges gewiß sein.