O, was für wunderbare Ueberraschungen erlebt man doch in Indien! Ich gestehe, daß ich nicht ohne Ehrgeiz bin und gehofft hatte, Könige, Präsidenten und Kaiser würden mich lesen – aber so hoch hatte ich mich in meinen Erwartungen nie verstiegen. Wollte ich leugnen, daß mich das unendlich beglückte, so wäre es falsche Bescheidenheit. Selbst die größte Anerkennung von seiten eines Menschen hätte mir nicht solche Freude gemacht, das bekenne ich ganz offen.

Mein Gast blieb über eine halbe Stunde da und war sehr höflich und liebenswürdig. Die göttliche Würde besteht schon lange in seiner Familie, seit wann weiß ich nicht. Er ist eine mohammedanische Gottheit und nimmt auf Erden den Rang eines persischen Prinzen ein, der in gerader Linie vom Propheten abstammt. Er ist hübsch und noch recht jung – für einen Gott – fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt. Die göttliche Größe trägt er mit Ruhe und Gelassenheit, wie es sich für seinen erhabenen Beruf ziemt, und dabei sprach er das Englische geläufig und rein, wie ein geborener Engländer. Ich glaube nicht, daß ich übertreibe; ich hatte vorher noch nie einen Gott gesehen, und er machte mir einen sehr günstigen Eindruck. Als er sich erhob um Abschied zu nehmen, ging die Tür auf, ich sah draußen ein rotes Fez aufleuchten und hörte die ehrerbietige Frage:

»Soll Satan Gott hinausbegleiten?«

»Ja.« – Die beiden unzusammengehörigen Wesen verschwanden vor meinen Blicken, Satan ging voraus und der Andere folgte ihm.

Viertes Kapitel.

Glück zu ertragen verstehen nur wenige. Ich meine andrer Leute Glück.

Querkopf Wilsons Kalender.

Das nächste Bild in meiner Erinnerung ist das Gouverneurshaus auf der Malabar-Spitze, wo man von den Fenstern und großen Balkons weit ins Meer hinausblickt. Seine Exzellenz, der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay, wohnt dort ganz nach europäischer Art, in einem Staatspalast, der zugleich ein behagliches Heim ist; nur die Leibwache und die Diener sind Eingeborene. Da war England vertreten mit seiner Macht und den Errungenschaften seiner modernen Zivilisation; überall herrschten stille Farben und gediegener Geschmack, ruhige Würde und Vornehmheit.

Nun folgte ein Bild altindischer Kultur in der Behausung von Kumar Shri Samatsinhji Bahadur, dem Fürsten des Palitana-Staats. Bei unserm Besuch sahen wir auch dessen Sohn und Erben nebst seinem Schwesterchen. Die hübsche braune kleine Elfe war zart gebaut, sehr ernsthaft, reizend anzuschauen und gekleidet wie der zierlichste Schmetterling. Sie machte uns zwar ein freundliches Gesicht, doch zog sie es anfänglich vor, ihres Vaters Hand nicht loszulassen, um die Fremden erst näher kennen zu lernen und zu sehen, wie weit man ihnen trauen dürfe. Die niedliche kleine Märchenprinzessin mochte etwa acht Jahre alt sein; in drei oder vier Jahren mußte sie also nach indischem Brauch heiraten. Dann war ihr freies Leben in Luft und Sonnenschein zu Ende und von einem Verkehr mit männlichen Besuchern durfte nicht mehr die Rede sein. Gleich ihrer Mutter wird sie sich auf Lebenszeit im Frauengemach einschließen, sich aus angeerbter Gewohnheit glücklich fühlen und ihre Beschränkung weder als lästigen Zwang noch als trübselige Gefangenschaft ansehen.