Die Parsen sind eine merkwürdige Volksgemeinde. In Bombay leben etwa 60 000 und halb so viel im übrigen Indien, aber was ihnen an Zahl abgeht, ersetzen sie durch ihre Bedeutung. Sie sind hochgebildet, tatkräftig, unternehmend, reich, dem Fortschritt huldigend, und nicht einmal die Juden zeigen sich so freigebig und wohltätig gegen jedermann ohne Unterschied. Viele Hospitäler für Menschen und Tiere sind von den Parsen erbaut und mit reichen Geldmitteln ausgestattet worden. Sie sowohl als ihre Frauen haben eine stets offene Hand, wo es sich um irgend einen großen und guten Zweck handelt. In politischer Hinsicht bilden sie eine Macht, welche der Regierung wesentliche Unterstützung gewährt. Die Lehren ihrer Religion sind rein und erhaben, sie halten unverbrüchlich an ihnen fest und richten ihr ganzes Leben danach ein.

Ehe wir den Garten der ›Türme des Schweigens‹ verließen, warfen wir noch einen Blick auf die wundervolle Aussicht, welche Ebene, Stadt und Meer uns boten. Das letzte, was mir dabei ins Auge fiel, war ein natürliches Sinnbild des Todes: auf einem freien Platz im Garten saß ein Geier auf dem abgesägten Stumpf eines hohen, schlanken Palmbaums. Er verharrte regungslos in seiner Stellung, wie ein Steinbild auf einer Säule; dabei hatte er einen förmlichen Grabesblick, der ganz zu der Stimmung des Ortes paßte.

Fünftes Kapitel.

Es gibt einen alten goldenen Spruch, welcher lautet: »Wohl dir, wenn du beim Aufstieg zum Hügel des Glücks keinem Freunde begegnest.«

Querkopf Wilsons Kalender.

Zunächst wurden wir von Bekannten nach einem Dschain-Tempel mitgenommen; er war nicht groß und mit vielen flatternden Wimpeln geschmückt, die an Flaggenstangen befestigt sind; auf den Zinnen des Daches stehen ringsum eine Unmenge kleiner Götzenbilder. In der Mitte des innern Raumes sagte ein einsamer Dschain laut seine Gebete her und ließ sich durch unsere Gegenwart in keiner Weise stören. Seine Andacht galt einem kleinen, sitzenden, rosig gefärbten Götzen, der sich etwa zwölf Fuß vor ihm befand und einer schlecht geformten Wachsfigur glich. Mr. Gandhi, der dem Kongreß der Weltreligionen in Chicago als Abgeordneter beigewohnt hat, setzte uns die Lehren der Dschaina in trefflichem Englisch auseinander, aber was er sagte ist meinem Gedächtnis entschwunden. Ich weiß nur noch, daß sich ihre religiösen Vorstellungen in erhabene Formen kleiden, und grobe Sinnlichkeit ihnen fremd ist. Wie sich das mit der Anbetung des rohen Götzenbildes vereinbaren läßt, kann ich nicht erklären. Vermutlich stellt dieses ein Wesen dar, das nach vielhundertjährigen Seelenwanderungen, bei stetiger Zunahme an Frömmigkeit und Tugend, zuletzt zu einem Heiligen, einer Art Gottheit geworden ist, welche die Anbetung stellvertretend entgegennimmt, um sie der Himmelsbehörde zu übermitteln. So denke ich es mir wenigstens.

Von dort begaben wir uns nach Mr. Premchand Roychands Bungalow im Love Lane, Byculla, wo ein indischer Fürst, der kürzlich von der Kaiserin Viktoria zum Ritter des indischen Sternordens ernannt worden war, die Abgesandten der Dschaina empfangen wollte, welche ihm wegen dieser hohen Ehre ihre Glückwünsche darbrachten. Selbst der größte indische Fürst verschmäht die Auszeichnung nicht; er erläßt seinen Untertanen die Steuern und gibt viel Geld aus zur Verbesserung der öffentlichen Zustände, wenn er dafür die Ritterwürde erlangen kann. Alljährlich verleiht die Kaiserin verschiedenen einheimischen Fürsten zum Lohn für ihre Verdienste den Stern von Indien und teilt zugleich Kanonen an sie aus, welche sie beim Salutschießen abfeuern dürfen. Ein kleiner Fürst hat drei oder vier Kanonen, die ihm den Ehrengruß bringen, und mit der Bedeutung des Fürsten nimmt auch die Zahl seiner Kanonen zu, bis auf elf Stück, ja vielleicht haben manche noch mehr, aber das weiß ich nicht bestimmt. Mir ist gesagt worden, daß wenn ein vier Kanonen-Fürst die fünfte erhält, seine Umgebung sehr darunter leidet, denn solange ihm die Sache noch neu ist, möchte er bei jeder Gelegenheit Salutschüsse haben, und die ohrenzerreißende Musik will gar kein Ende nehmen. Wie viele Kanonen so große Herrscher wie der Nizam von Hyderabad und der Gaikawar von Baroda haben, vermag ich, wie gesagt, nicht anzugeben.

Als wir das Bungalow betraten, fanden wir die große Halle im Erdgeschoß bereits voller Menschen, und noch immer kamen neue Wagen vorgefahren. Die Versammlung bot ein hübsches Schauspiel; alles funkelte und blitzte wie bei einem Feuerwerk, so bunt waren die Kostüme und so glänzend die Farben. Ganz besonders merkwürdig fand ich die Ausstellung der verschiedenen Turbans. Ihre wunderbare Mannigfaltigkeit erklärte sich dadurch, daß die Mitglieder der Dschaina-Gesandtschaft aus allen Teilen Indiens stammten und jeder einen Turban trug, wie er in seiner Gegend Sitte war.

Ich würde dort gern eine Konkurrenz-Ausstellung von christlichen Trachten und Kopfbedeckungen veranstaltet haben. Dazu hätte ich nur alle indische Herrlichkeit aus einer Hälfte des Raumes zu entfernen und diese mit Christen aus Amerika, England und den Kolonien anzufüllen brauchen, welche Hüte und Kleider trugen, wie sie vor zwanzig, vierzig, fünfzig Jahren Mode waren oder wie man sie heutzutage hat. Es wäre eine greuliche Sammlung gewesen, ein Anblick von ausgesuchter Scheußlichkeit. Auch die weiße Gesichtsfarbe hätte ihr Teil dazu beigetragen. Sie kommt uns zwar nicht gerade unleidlich vor, solange wir uns unter lauter Weißen befinden, sehen wir sie aber zusammen mit einer Menge brauner oder schwarzer Gesichter, so wird uns augenblicklich klar, daß nur die Gewohnheit sie erträglich macht. Eine schwarze oder braune Haut ist fast immer schön, eine weiße nur sehr selten. Will man sich hiervon überzeugen, so braucht man nur an einem Wochentage in Paris, New York oder London eine Straße hinunterzugehen – nicht gerade im vornehmsten Viertel – und sich zu merken, wie vielen Menschen mit gutem Teint man auf einer etwa meilenlangen Strecke begegnet. Neben dunkeln Gesichtern sehen die weißen ausgewaschen, ungesund, oft förmlich gespensterhaft aus. Schon als Knabe hatte ich daheim, zur Sklavenzeit vor dem Bürgerkrieg, Gelegenheit gehabt diese Beobachtung zu machen. Wahrhaft bewundernswert erschien mir aber die prächtige schwarze Haut der südafrikanischen Zulus aus Durban, die wie Atlas glänzte. Ich sehe sie noch vor mir, diese schwarzen Athleten, wie sie mit den Rickschas vor dem Hotel auf Kundschaft warteten. Die schönen Gestalten waren nur wenig verhüllt durch die leichte Sommerkleidung, deren schneeiges Weiß das tiefe Schwarz der Neger um so mehr hervortreten ließ. In Gedanken vergleiche ich jene Zulu-Gruppe mit den Bleichgesichtern, die soeben an meinem Fenster in London vorübergehen:

Erste Dame: Gesichtsfarbe: neues Pergament.