Indien ist einzig in seiner Art und es hat das alleinige Recht auf verschiedene Spezialitäten von überwältigender Großartigkeit. Wenn irgend ein Land sonst eine Merkwürdigkeit besitzt, ist sie doch nicht sein ausschließliches Eigentum; man findet das Gegenstück in einem andern Lande. Aber Indien hat Wunderdinge erzeugt, die ihm allein gehören, niemand wagt sein Patentrecht anzutasten, Nachahmungen sind gänzlich ausgeschlossen. Und dabei welche Größenverhältnisse, welche Majestät! Wie fremdländisch und unheimlich sind die meisten dieser Erfindungen.
Von dem Schwarzen Tod haben wir schon gesprochen. Er ist Indiens eigenstes Werk. In Indien wurde dieser mächtige Fürst der Schrecken geboren.
Auch den Wagen des Juggernaut hat sich Indien ausgedacht. Desgleichen die Suttis. Es leben noch Menschen, zu deren Zeit sich achthundert Witwen in einem Jahre, freiwillig und unter Frohlocken, mit den Leichen ihrer Ehemänner verbrennen ließen. Noch in diesem Jahre würden es abermals achthundert tun, wenn die britische Regierung es ihnen gestattete.
Auch eine Hungersnot wie in Indien gibt es nirgends. Wenn anderswo Mangel eintritt, ist es ein verhältnismäßig unbedeutendes, vorübergehendes Ereignis; die indische Hungersnot aber bricht herein gleich einer verheerenden Flut und tötet Millionen, wo an andern Orten Hunderte sterben würden.
Indien hat zwei Millionen Götter und betet sie sämtlich an. In religiöser Beziehung sind alle andern Länder Bettler und Indien der einzige Millionär.
Alles nimmt dort einen Riesenmaßstab an – sogar die indische Armut hat nirgends auf Erden ihresgleichen. Der Reichtum aber verfügt über solche Schätze, daß man für die größten Summen ganz kurze Wörter erfinden mußte. Um hunderttausend auszudrücken, sagt man ein lakh, und ein crore bedeutet zehn Millionen.
Im Innern seiner Granitberge hat Indien, mit namenloser Geduld, Dutzende von großen Tempeln in den Fels gehauen, sie durch großartige Säulenhallen und Statuen geschmückt und ihre ewigen Mauern mit stolzen Gemälden bedeckt. Es hat sich starke Burgen von solchem Umfang errichtet, daß selbst die großen Musterfestungen der übrigen Welt dagegen wie Spielzeug aussehen. Seine Paläste sind aus dem erlesensten Baumaterial und mit so viel Feinheit und Kunstfertigkeit ausgeführt, daß man sie anstaunt wie Wunderwerke; um eins seiner Grabmäler – den Tadsch-Mahal – zu sehen, reisen die Menschen rund um die Erde. Achtzig Völker, die achtzig Sprachen reden, bewohnen das Land, ihre Zahl beläuft sich auf dreihundert Millionen.
Und zu Indiens merkwürdigsten Eigentümlichkeiten gehört noch das Kastenwesen und das Geheimnis aller Geheimnisse – die satanische Genossenschaft der Thugs.
Im Anfang aller Dinge hatte Indien einen Vorsprung vor der ganzen übrigen Welt. Es besaß die früheste Kultur, die erste Anhäufung materieller Reichtümer, eine Menge der tiefsten Denker, der größten Weisen, Fruchtbarkeit des Bodens, reiche Bergwerke und große Wälder. Hätte man da nicht meinen sollen, es würde seine Führerschaft auch ferner behaupten und eines Tages, statt sich in Demut einem fremden Machthaber zu unterwerfen, selbst die Welt beherrschen und jeder Nation, jedem Volksstamm der Erde Gesetze vorschreiben? – Und doch ist eine solche Oberherrschaft Indiens von jeher unmöglich gewesen. Wo es achtzig Völkerschaften und Hunderte von Regierungen gibt, kann von einheitlicher Macht nicht die Rede sein. Das Hauptgeschäft des Lebens wird Kampf und Streit, gemeinsame Ziele und Zwecke sind ausgeschlossen; aus solchen Elementen entsteht keine Weltherrschaft. Nicht nur durch die Verschiedenartigkeit der Sprachen, sondern vor allem durch das Kastenwesen mag die Zersplitterung entstanden sein. Dadurch wurde das Volk in einzelne Schichten geteilt und diese wieder in Ober- und Unterschichten, welche kein Gefühl der Zusammengehörigkeit miteinander verband. Bei solchen Zuständen war eine gesunde Entwicklung der Vaterlandsliebe völlig undenkbar.
Hätte es in Indien nicht so viele Reiche und Völker gegeben, so würden auch die Thugs dort schwerlich haben entstehen und gedeihen können. An jeder Grenze wurden Reisende und Kaufleute fortwährend belästigt, denn überall stießen sie auf Wächter und Zollhäuser; Dolmetscher, welche alle Sprachen verstanden, gab es so gut wie gar nicht, auch herrschte ein fortgesetzter Kriegszustand bald in diesen bald in jenen Reichen. Das alles hinderte die Sicherheit des allgemeinen Verkehrs und öffnete dem Räuberwesen Tür und Tor – was jedem gescheiten Menschen, den seine angeborene Neigung zu diesem Beruf trieb, auf der Stelle einleuchten mußte. Da es nun in Indien durchaus nicht an klugen Leuten fehlte, die sich zum Räuberwesen hingezogen fühlten, bildete sich auf ganz natürliche Weise die Genossenschaft der Thugs, um einem längst empfundenen Bedürfnis zu entsprechen.