Was fesselte die Leute aber an ihr Mordgeschäft, worin bestand der Reiz desselben? Teils trieb sie offenbar Frömmigkeit, teils Beutegier dazu, aber das Hauptinteresse scheint doch das Vergnügen an der Jagd selbst gewesen zu sein, die Mordlust, welche auch dem weißen Manne im Blute steckt. Meadows Taylor schreibt in seinem Roman: ›Bekenntnisse eines Thug‹:
»Wie leidenschaftlich liebt ihr Engländer nicht die Jagd! Ganze Wochen und Monate widmet ihr diesem aufregenden Zeitvertreib. Um Tiger, Panther, Büffel oder Eber zu töten, strengt ihr eure ganze Tatkraft an, ja ihr setzt selbst das Leben aufs Spiel. Wir Thugs aber verfolgen ein weit edleres Wild!«
Vielleicht liegt hierin wirklich der Schlüssel des Rätsels, das die Entstehung und Verbreitung der furchtbaren Sekte umgibt. Dem Menschengeschlecht im großen und ganzen ist die Mordgier eigen, es ergötzt sich am Töten lebender Geschöpfe wie an einem Schauspiel. Wir weißen Leute sind nur etwas verfeinerte Thugs, denen ihr dünner Anstrich von Zivilisation wie ein lästiger Zwang erscheint. Als Thugs haben wir uns vor noch gar nicht so langer Zeit an den Metzeleien der römischen Arena ergötzt und später an dem Feuertod, welcher zweifelhaften Christen durch rechtgläubige Christen auf öffentlichem Marktplatz bereitet wurde. Noch jetzt gehen wir mit den Thugs in Spanien oder in Nimes zu den blutigen Greueln der Stiergefechte hinaus. Keiner unserer Reisenden, welches Geschlechts oder welcher Religion er auch sein mag, hat je der Anziehungskraft der spanischen Arena zu widerstehen vermocht, wenn sich ihm Gelegenheit bot, dem Schauspiel beizuwohnen. Auch zur Jagdzeit sind wir fromme Thugs: wir hetzen das harmlose Wild und töten es mit Wonne. Aber einen Fortschritt haben wir doch gemacht. Zwar ist er nur winzig und kaum der Rede wert, so daß wir nicht nötig hätten besonders stolz darauf zu sein, aber es ist immerhin ein Fortschritt zu nennen, daß es uns nicht mehr Freude macht, hilflose Menschen niederzumetzeln oder zu verbrennen. Von diesem höheren Standpunkt aus können wir mit selbstgefälligem Schaudern auf die indischen Thugs herabsehen; auch dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß einst der Tag erscheinen wird, an dem unsere Nachkommen in künftigen Jahrhunderten mit ähnlichen Gefühlen auf uns herabschauen.
Neuntes Kapitel.
Der Kummer ist sich selbst genug; aber um eine Freude voll und ganz zu genießen, muß man jemand haben, mit dem man sie teilen kann.
Querkopf Wilsons Kalender.
Wir fuhren mit dem Nachtzug von Bombay nach Allahabad. In Indien ist es Landessitte, das Reisen am Tage möglichst zu vermeiden; dabei ist nur der Uebelstand, daß man sich zwar die beiden Sofas ›sichern‹ kann, wenn man sie vorausbestellt, aber man erhält keinerlei Fahrkarte oder Marke, durch welche man sein Eigentumsrecht zu beweisen vermag, falls dasselbe in Zweifel gezogen wird. Das Wort ›besetzt‹ erscheint am Fenster des Coupés, aber für wen weiß niemand. Kommt mein Satan mit meinem Barney an, ehe ein anderer Diener zur Stelle ist, legen sie meine Betten auf die beiden Sofas und stehen Wache bis wir eintreffen, dann geht alles gut. Verlassen sie aber den Posten um eine Besorgung zu machen, so können sie bei der Rückkehr finden, daß unsere sämtlichen Bettstücke auf die oberen Schlafbretter befördert worden sind, und ein paar andere Dämonen das Lager ihrer Herren auf unsern Sofas bereitet haben, vor denen sie Wache halten.
Dieses System lehrt uns Höflichkeit und Rücksicht üben, doch gestattet es auch unberechtigte Uebergriffe. Ein junges Mädchen pflegt einer älteren Dame, wenn diese später kommt, den Sofaplatz einzuräumen, den die Dame meist mit freundlichem Danke annimmt. Aber bisweilen geht es dabei auch anders zu. Als wir im Begriff waren Bombay zu verlassen, lagen die Reisetaschen meiner Tochter auf ihrem Sofaplatz. Da kam im letzten Augenblick eine amerikanische Dame mittleren Alters in das Coupé gestürmt, hinter ihr die mit dem Gepäck beladenen eingeborenen Träger. Sie schalt, brummte, knurrte und versuchte sich möglichst unausstehlich zu machen, was ihr auch gelang. Ohne ein Wort der Erklärung warf sie Reisekorb und Tasche meiner Tochter auf das obere Brett und pflanzte sich breit auf das Sofa hin.
Bei einem unserer Ausflüge verließen wir, Smythe und ich, auf einer Station unser Coupé, um etwas auf und ab zu gehen; als wir zurückkamen, fanden wir Smythes Betten im Hängebrett, und ein englischer Kavallerie-Offizier lag lang und bequem ausgestreckt auf dem Sofa, wo Smythe noch soeben geschlafen hatte.
Es ist abscheulich, daß dergleichen unsereinem Spaß bereitet, aber wir sind nun einmal so geschaffen. Wäre das Mißgeschick meinem ärgsten Feinde zugestoßen, es hätte mir kein größeres Vergnügen machen können. Wir freuen uns alle, wenn es andern Leuten schlecht geht, ohne daß wir Unbequemlichkeiten davon haben. Smythes Aerger machte mich so glücklich, daß ich gar nicht einschlafen konnte, weil ich mich in Gedanken zu sehr daran ergötzte. Er glaubte natürlich, der Offizier hätte den Raub selber begangen, während ihn der Diener zweifellos ohne Wissen seines Herrn ausgeführt hatte. Den Groll über diesen Vorfall bewahrte Smythe getreulich im Herzen; er schmachtete nach einer Gelegenheit, sich dafür an irgend jemand schadlos zu halten, und dies Verlangen ward ihm bald darauf in Kalkutta erfüllt. Von dort unternahmen wir eine vierundzwanzigstündige Fahrt nach Dardschiling. Da aber der Generaldirektor Barclay alle Vorkehrungen getroffen hatte, damit wir es unterwegs recht bequem haben sollten – wie Smythe versicherte – so beeilten wir uns nicht allzusehr auf den Zug zu kommen. Im Bahnhof herrschte, wie gewöhnlich in Indien, ein entsetzliches Gewühl, ein unbeschreiblicher Lärm und Wirrwarr. Der Zug war übermäßig lang, denn sämtliche Eingeborene des Landes reisten irgendwohin; die Bahnbeamten wußten nicht, wo ihnen der Kopf stand und wie sie alle die aufgeregten Leute, die sich verspätet hatten, noch unterbringen sollten. Wo das für uns bestimmte Coupé war, konnte uns niemand sagen; keiner hatte Befehl erhalten dafür zu sorgen. Das war eine große Enttäuschung, auch hatte es ganz den Anschein als würde die Hälfte unserer Gesellschaft zurückbleiben müssen; da kam Satan spornstreichs angerannt, um zu melden, daß er ein Coupé gefunden habe, in dem noch ein Hängebrett und ein Sofa leer waren. Dort hatte er unser Gepäck hineingeschafft und uns das Lager bereitet. Wir stiegen eilends ein. Der Zug war gerade im Fortfahren, und die Schaffner schlugen eine Waggontür nach der andern zu, als ein Beamter des ostindischen Zivildienstes, unser guter Freund, atemlos gelaufen kam. »Ueberall habe ich nach Ihnen gesucht,« rief er. »Wie kommen Sie hierher? Wissen Sie denn nicht –«