Gern hätte ich mir irgend welchen Begriff von der Theologie der Inder gemacht, aber die Sache war allzu verwickelt und die Schwierigkeiten unüberwindlich. Nicht einmal über das Abc kommt man hinaus. Es gibt eine Dreieinigkeit – Brahma, Wischnu und Schiwa – scheinbar von einander unabhängige Mächte, aber ganz sicher ist das nicht, denn in einem Tempel steht ein Bildwerk, das alle drei Gottheiten in einer Person zusammenfaßt. Jeder der drei Götter hat mehrere Benennungen, er hat auch Frauen mit verschiedenen Namen und Kinder, die bald so bald so heißen; dadurch entsteht eine heillose Verwirrung, aus der man sich in keiner Weise zurechtfinden kann. Ein Versuch, sich die Scharen der niederen Gottheiten einzuprägen, ist nicht der Mühe wert; ihre Unmenge ist allzu groß.

Will man sich einiges sparen, so könnte man füglich den obersten von allen Göttern, Brahma, ganz beiseite lassen, denn er scheint keine große Rolle in Indien zu spielen. Am meisten Verehrung genießen Schiwa und Wischnu nebst ihren sämtlichen Angehörigen. Schiwas Symbol, das ›Lingam‹, mit welchem Wischnu die Schöpfung begann, wird allgemein angebetet; man begegnet ihm in Benares auf Schritt und Tritt, das Volk bekränzt es mit Blumen und bringt ihm Gaben dar. Meist sieht es aus wie ein aufrecht stehender Stein in Form eines länglichen Fingerhuts und Mr. Parker sagt, daß es mehr ›Linga‹ als Einwohner in Benares gibt.

Die Stadt hat viele mohammedanische Moscheen, und Hindutempel ohne Zahl. Diese wunderlich geformten, mit reichen Steinornamenten versehenen Pagoden füllen alle Straßen. Aber auch der Ganges selbst, ja jeder einzelne Wassertropfen darin gilt als Heiligtum. Das Hauptprodukt von Benares, dieser heiligsten aller heiligen Städte, für welche der fromme Hindu eine unbegrenzte Liebe und Verehrung empfindet, ist Religion. Alle andern Erzeugnisse des Bodens oder Gewerbefleißes haben im Vergleich hierzu nicht die geringste Bedeutung.

»Wenn der Pilger,« sagt Mr. Parker, »der sich vor Alter und Müdigkeit fast nicht mehr auf den Füßen zu halten vermag, schweißtriefend, vom Staub geblendet und halbtot vor Erschöpfung, der Backofenhitze seines Eisenbahnwagens entsteigt und kaum den heiligen Boden berührt hat, so hebt er die abgezehrten Hände empor und ruft mit frommer Begeisterung: ›Kaschi ji ki jai – jai – jai! Heiliges Kaschi (Benares), sei mir gegrüßt! Heil, Heil dir!‹ Erwähnt ein Europäer in irgend einer fernen Stadt Indiens gelegentlich im Bazar, daß er früher einmal in Benares gewohnt hat, so werden gleich Stimmen laut, welche Glück und Segen auf sein Haupt herabwünschen. Denn, wer in Benares geweilt hat, ist der Seligste aller Sterblichen.«

Liest man diese rührende Beschreibung, so erscheinen dagegen unsere eigenen religiösen Gefühle farblos und kalt. Da nun aber die Religion ihr Leben aus dem Herzen schöpft und nicht aus dem Kopfe, so werden wir das von Mr. Parker angekündigte Begräbnis des Brahmanismus wohl noch auf unbestimmte Zeit vertagen müssen.

Zwölftes Kapitel.

Wer einem Volk seinen Aberglauben vorschreibt, hat mehr Einfluß als wer ihm seine Gesetze macht, oder seine Gesänge.

Querkopf Wilsons Kalender.

Die Stadt Benares ist eine einzige große Kirche, eine Art religiöser Bienenstock, in dem jede Zelle als Tempel, Altar oder Moschee dient. In diesem großen theologischen Vorratshaus kann man sich alle nur erdenklichen irdischen oder himmlischen Güter verschaffen.

Ich will hier einen Wegweiser für den Pilger zusammenstellen, aus dem sich erkennen läßt, wie brauchbar, wie nützlich und vollständig dieses Religions-System ist. Wer mit dem ernstlichen Wunsch, seine geistliche Wohlfahrt zu fördern, nach Benares geht, wird es mir Dank wissen. Daß die Tatsachen, die ich angebe, richtig sind, unterliegt keinem Zweifel; ich habe sie teils in Mr. Parkers ›Führer durch Benares‹ gefunden, teils hat er sie mir bei unserer mündlichen Unterhaltung mitgeteilt.