Katzen haben ein zähes Leben,
Lügen ein noch viel zäheres.
Querkopf Wilsons Kalender.
Ende März segelten wir von Kalkutta ab, hielten uns einen Tag in Madras, drei Tage in Ceylon auf und fuhren dann westwärts, nach der Insel Mauritius.
Aus dem Tagebuch, 7. April. – Wir sind jetzt weit draußen auf der glatten Wasserwüste des Indischen Ozeans. Unter dem großen Leinwandzelt sitzt sich’s behaglich und friedlich im Schatten; wir führen ein Leben, das ganz ideal genannt werden kann.
Unser Kapitän hat die Eigentümlichkeit, daß die Wahrheit in seinem Munde immer unglaubwürdig klingt, während ein ernster Schotte an unserer Tafel jede Lüge, die er vorbringt, wahrscheinlich zu machen weiß. Tut der Kapitän eine Aeußerung, so sehen sich die Zuhörer fragend an, jeder denkt: »Ist das auch wahr?« Stellt der Schotte eine Behauptung auf, so liest man in allen Blicken: »Wie interessant, wie merkwürdig!« Diese Tatsache läßt sich nur aus der verschiedenen Art und Weise beider Männer erklären. Der Kapitän trägt aus Schüchternheit und Mangel an Selbstvertrauen, bei den einfachsten Angaben, die er macht, eine ängstliche Miene zur Schau. Der Schotte sagt die offenkundigsten Lügen mit einem Schein strengster Wahrhaftigkeit, so daß man, selbst gegen besseres Wissen, gezwungen ist ihm zu glauben.
Einmal erzählte uns der Schotte, er habe sich im Springbrunnen seines Gewächshauses einen zahmen fliegenden Fisch gehalten, der selbst für seinen Unterhalt sorgte, und sich in den umliegenden Feldern, Vögel, Frösche und Ratten zur Nahrung fing. Man sah deutlich, daß keiner der Tischgäste an dieser Geschichte zweifelte.
Als dann später von Zollbelästigungen die Rede war, und der Kapitän berichtete, wie es ihm einmal in Neapel ergangen sei, tat er es mit so unsicherem Wesen, daß niemand seinen Worten Glauben schenkte.
Er sagte: »Der Beamte fragte mich mehrmals, ob ich etwas Verzollbares bei mir hätte und sah mich sehr zweifelnd an, als ich es verneinte. Nun forderte mich ein Passagier auf, zum Abschied ein Glas Wein mit ihm zu trinken, was ich jedoch mit dem Bemerken ausschlug, ich hätte soeben an Bord einen Schluck Cognac genommen. Das hörte der Beamte und ließ sich einen Sixpence Zollgebühren für den Cognac bezahlen, ferner fünf Pfund Sterling als Strafe für undeklarierte Ware, fünf Pfund wegen falscher Angabe, daß ich nichts Verzollbares hätte, fünf Pfund, weil die Ware verborgen worden sei und fünf Pfund wegen unerlaubten Schmuggels. Alles in allem fünfundsechzig Pfund und Sixpence für solche Kleinigkeit.«
Ich bin überzeugt, der Schotte sagt lauter Lügen und man glaubt ihm alles, während der Kapitän, so viel ich weiß, immer die Wahrheit spricht und doch für einen Lügner gehalten wird. Das ist fast so merkwürdig wie die Erfahrung, welche ich selbst als Schriftsteller in dieser Beziehung gemacht habe: ich konnte nie eine Lüge sagen, welche Zweifel erregte, noch eine Wahrheit, der jemand Glauben schenkte.