»Das Französische ist Landessprache. Jeder muß es sprechen, er mag wollen oder nicht. Besonders ohne das Mischlings-Französisch, das die Leute mit den vielen verschiedenfarbigen Gesichtern reden, kann man sich hier gar nicht verständlich machen.
»Mauritius war früher sehr wohlhabend, denn man macht hier den besten Zucker in der ganzen Welt. Aber zuerst verdarb der Suez-Kanal die Handelsverbindungen der Insel, und dann verschloß ihr der Rübenzucker mit Hilfe der Zuckerprämien den europäischen Markt. Viele der größten Zuckerpflanzer befinden sich in Geldverlegenheit und würden ihre Besitzungen gern für die Hälfte der Summen hergeben, die sie hineingesteckt haben. Wenn ein Land erst anfängt die Teekultur zu betreiben, so ist das ein sicheres Zeichen für den Rückgang seines Hauptprodukts, dafür liefern Bengalen und Ceylon den Beweis. Auch in Mauritius macht man jetzt Versuche mit der Teekultur.«
20. April. – Der jährliche Cyklone richtet oft große Verwüstungen in den Zuckerfeldern an. Im Jahre 1892 wurden Hunderte von Menschen durch den Cyklone getötet oder zu Krüppeln gemacht, und der sündflutartige Regen, der dabei Port Louis überschwemmte, erzeugte großen Wassermangel. Das ist buchstäblich wahr, denn er zerstörte das Wasserwerk und die Leitungsröhren, und als sich die Flut verlaufen hatte, herrschte eine Zeitlang arge Not, weil man kein Wasser bekommen konnte. – Die Wut jenes Wirbelsturms war fürchterlich; er machte ganze Straßen von Port Louis zu Trümmerhaufen, entwurzelte Bäume, deckte Dächer ab, schmetterte einen Obelisken zu Boden, riß Schiffe vom Anker los und schleuderte ein amerikanisches Fahrzeug bis in den Wald hinauf. Ueber eine Stunde lang krachte der Donner ohne Unterlaß, die Blitze zuckten und der Wind heulte – es war ein Höllenlärm ohne gleichen. Dann trat plötzlich Ruhe ein, heller Sonnenschein und völlige Windstille; die Menschen wagten sich hinaus, um den Verwundeten beizustehen und nach ihren Freunden und Angehörigen zu suchen. Da brach der rasende Sturm unvermutet aus einer andern Himmelsgegend von neuem los und richtete vollends alles zu Grunde.
Die Wege auf der Insel sind fest und eben, die Bungalows bequem ausgestattet, die Höfe sehr geräumig; längs der Fahrstraßen wachsen hohe grüne Bambushecken, und – was ich noch nie gesehen habe – Hecken von roten und weißen Azaleen, die sich wunderhübsch ausnehmen. Mauritius ist ein einziger, großer, gartenähnlicher Park. Die wogenden Zuckerrohrfelder mit ihrem frischen Grün tun dem Auge wohl; überall entfaltet sich tropischer Pflanzenwuchs in üppigster Fülle, helles und dunkles Grün, dicht verschlungenes Unterholz von hohen Palmen überragt, große schattige Wälder mit klaren Flüssen, die sich bald im Dunkel verlieren, bald lustig wieder ans Tageslicht gesprungen kommen; auch kleine Berge mit spielzeugartigen Klippen und Felsengruppen hat Mauritius aufzuweisen und dann und wann einen Durchblick auf das Meer mit dem weißen Schaum der Brandung. Die Insel ist sehr hübsch in ihrer Art, doch fehlt ihr das Erhabene, Großartige, Geheimnisvolle, wie es unersteigliche Bergeshöhen mit Gipfeln, die in den Himmel ragen, und weite Fernsichten einer Gegend verleihen; der Gesamteindruck ist reizend, aber nicht überwältigend, er berührt uns angenehm, dringt aber nicht bis in die Tiefe der Seele.
Als die Franzosen noch Mauritius besaßen, belästigten sie von dort aus die indischen Kauffahrteischiffe; deshalb nahm ihnen England die Insel fort und auch das benachbarte Bourbon. Letzteres gab es jedoch wieder an Frankreich heraus und ließ sich auch Madagaskar fortschnappen, was sehr zu beklagen ist. England hätte mit geringer Anstrengung die harmlosen Eingeborenen vor dem Unheil der französischen Zivilisation schützen können. Leider hat es das unterlassen, und jetzt ist es zu spät.
Vor der Sünde, einen Raub an Frankreich zu begehen, hätte sich England schwerlich gescheut. Aller Grundbesitz sämtlicher Staaten der Erde – Amerika natürlich nicht ausgeschlossen – besteht aus gestohlenem Gut, aus Ländereien, die andern Nationen gehörten, denen man sie entrissen hat. In Europa, Asien und Afrika ist jeder Fußbreit Land schon Millionen mal wieder und wieder gestohlen worden. Ein Verbrechen aber, das seit Jahrtausenden verübt wird, hört auf ein Verbrechen zu sein und wird zur Tugend. Das Gewohnheitsrecht ist stärker als jedes andere Gesetz. Auch werden ja heutzutage unter den christlichen Regierungen die allseitigen Pläne solchen Länderraubs ganz frei und offen verhandelt.
Ohne Frage lassen die Zeichen der Zeit deutlich erkennen, welchen Verlauf die Sache nehmen wird: Alle noch unzivilisierten Länder der Erde müssen unter die Herrschaft der christlichen Staaten Europas kommen. Mir macht das keinen Kummer, im Gegenteil, ich freue mich darüber. Vor zweihundert Jahren wäre dies unabwendbare Geschick noch ein Unheil für die wilden Völker gewesen, aber jetzt wird es, unter gewissen Umständen, für manche ein Segen sein. Die Europäer sollen nur je eher je lieber alles Land in Besitz nehmen, damit Friede, Ordnung und Gerechtigkeit an die Stelle der Bedrückung, des Blutvergießens und der Gesetzlosigkeit tritt, unter der die Wilden Jahrhunderte lang geschmachtet haben. Wenn man bedenkt, was zum Beispiel Indien zu der Zeit gewesen ist, als die Hindus und die Mohammedaner es beherrschten, und wie es jetzt um das Land steht, wenn man an das frühere Elend der Millionen zurückdenkt, die heutzutage Schutz und eine menschenwürdige Behandlung genießen, so wird man zugeben müssen, daß es für Indien kein größeres Glück geben konnte, als unter britische Oberherrschaft zu kommen. Geht nun alles Land der wilden Völker in europäischen Besitz über, und müssen sie selbst sich den fremden Herrschern auf Gnade oder Ungnade unterwerfen, so wollen wir von Herzen hoffen und wünschen, daß alle Wilden bei dem Tausch nur gewinnen möchten.
Zwanzigstes Kapitel.
In der Staatskunst bringe alle Formalitäten in Ordnung und kümmere dich nicht um die Moralitäten.