»Du thust mir leid, armes Ding, gewiß und wahrhaftig – aber was soll ich thun – ich kann’s nicht ändern. Dein Pappy hätt’ ihn mal verkaufen können an irgend jemand – dann wär’ er sicher den Fluß hinunter gekommen – nein, nein, das ertrag’ ich nicht, es kann nicht sein – es ist unmöglich!«

Sie warf sich auf ihr Lager und wälzte sich lange ruhelos umher. Plötzlich richtete sie sich auf, ein tröstlicher Gedanke schoß ihr durch das wirre Hirn.

»’S ist keine Sünde – die weißen Menschen haben’s auch gethan. Gottlob, ’s ist keine Sünde. Wie ist mir denn, wo hab’ ich’s nur gehört? – Ja, und sogar die aller allerobersten im Rang – die Könige!«

In tiefes Sinnen versunken, war sie bemüht, sich die Einzelheiten einer Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, die sie irgendwo einmal vernommen hatte.

»Jetzt fällt mir’s ein,« rief sie endlich. »Der alte schwarze Pastor hat’s erzählt, der damals von Illinois kam und in der Negerkirche predigte. Was sagte er doch? – Kein Mensch kann sich selbst erlösen – der Glaube thut’s nicht – die Werke thun’s nicht – man bringt’s nicht zuwege! ’S ist freie Gnade, und die kommt nur von Gott. Der Herr kann sie geben, wem er will, dem Frommen, dem Sünder – ganz nach Gefallen. Er wählt, wie’s ihm gerade paßt: den einen stößt er von seinem Platz und setzt einen andern an die Stelle. Einen läßt er ewig im höllischen Feuer brennen, und den andern macht er selig sein Lebtag und immerdar. Der Pastor sagte, so sei’s auch in England geschehen vor grauer Zeit. Die Königin hat ihr Büblein allein ’rumliegen lassen und ist in Gesellschaft gegangen; da kommt eine Negerin, die fast weiß ist, in die Kammer hinein, zieht dem Königskind die Kleider von ihrem Kleinen an, und ihrem Kleinen die Kleider vom Königskind. Sie läßt ihr Büblein in der Kammer und trägt das Königskind in die Negerhütte. Kein Mensch hat’s je ’rausgefunden. Ihr Kleiner ist mit der Zeit König geworden und hat das Königskind flußabwärts verkauft, als er mal Geld brauchte. So war’s, – so hat’s der Pastor selbst erzählt, und ’s ist keine Sünde, weil’s die weißen Menschen auch gethan haben. Ja freilich – gethan haben sie’s – und sogar im Königshaus. O, wie froh bin ich, daß mir die Geschichte wieder eingefallen ist.«

Leichten Herzens und voll Zuversicht stand sie auf, ging von einer Wiege zur andern und brachte den Rest der Nacht damit zu, sich zu ›üben‹, wie sie es nannte. Sie streichelte ihr eigenes Kind und sagte bittend: »Lieg’ still, Massa Tom,« dann gab sie dem wirklichen Tom einen Klaps und fuhr ihn streng an: »Willst du gleich still liegen, Schamber, sonst setzt’s was!«

Zu ihrer Verwunderung dauerte es gar nicht lange, bis sie das ehrfurchtsvolle Benehmen, das sie sonst ihrem jungen Herrn gegenüber in jeder Miene, jedem Wort kundgethan, auf den unberufenen Eindringling übertragen konnte, während sie den unglücklichen Erben des alten Hauses Driscoll nur noch in kurzem, befehlendem Ton anredete, wie es ihr mütterliches Vorrecht war.

Manchmal setzte sie ihre Uebung auch eine Weile aus, um zu überlegen, ob sie mit Sicherheit auf das Gelingen ihres Planes rechnen dürfe.

»Die Neger werden noch heute verkauft, weil sie das Geld gestohlen haben – dann kauft man andere, und die kennen die Kinder nicht – das trifft sich gut. Fahr’ ich sie draußen spazieren, so schmier’ ich ihnen Syrup um den Mund – da merkt’s gewiß niemand, daß sie verwechselt sind. Ja, das thue ich, wenn’s keiner sieht, bis alle Gefahr vorbei ist, und sollt’s ein Jahr dauern. Nur einer könnt’s entdecken – vor dem fürcht’ ich mich – das ist Herr Wilson – sie nennen ihn Querkopf und sagen, er ist ein Narr. Und dabei ist er so klug wie ich, klüger als alle andern, außer vielleicht Richter Driscoll oder Pem Howard. Meiner Treu – der Mensch ängstigt mich mit seinen verflixten Gläsern; ob er wohl ein Hexenmeister ist? – Aber, ich weiß, was ich thu’, ich geh’ zu ihm und sag’, er soll wieder Abdrücke nehmen von den Kindern ihren Fingern, und wenn er dann nichts merkt, dann bringt’s kein Mensch auf der Welt ’raus, daß ich sie vertauscht habe, und ich brauch’ nichts mehr zu fürchten – rein gar nichts. Aber ein Hufeisen will ich doch einstecken, dann hat der Zauber keine Macht.«

Die neuen Neger brauchte Roxy natürlich nicht zu fürchten, auch ihren Herrn nicht, denn Driscoll war gerade mit einer Landspekulation vollauf beschäftigt und hatte für nichts anderes Sinn. Er schaute die Kinder an und sah sie doch kaum. Roxy brauchte nur die Kleinen zum Lachen zu bringen, sobald sie ihn von weitem erblickte, dann verwandelte sich Mund, Augen und Nase der verzerrten Gesichtchen in lauter Gaumen und winzige Löcher; bis aber der Anfall vorüber war und sie wieder kleinen menschlichen Geschöpfen glichen, war Driscoll längst fort.