Beim Frühstück am nächsten Morgen eroberten sich die Zwillinge durch ihr liebenswürdiges Wesen, ihr höfliches und doch ungezwungenes Benehmen, rasch aller Herzen. Von Förmlichkeit und Befangenheit war bald keine Rede mehr, man verkehrte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit einander. Tante Patsy nannte sie schon nach kürzester Frist beim Vornamen und gab sich keine Mühe zu verbergen, wie neugierig sie war, Näheres über ihre Vergangenheit zu erfahren, sobald sie sah, daß die Brüder sich mitteilsam zeigten. Aus ihren Aeußerungen ging hervor, daß sie in früher Jugend Armut und Mangel gekannt hatten, und im Laufe der Unterhaltung nahm die Witwe geschickt die Gelegenheit wahr ein paar hierauf bezügliche Fragen einzuflechten. Sie wandte sich an den blonden Zwilling, der bei dem Bericht über ihre gemeinschaftlichen Erlebnisse gerade das Wort hatte, während der brünette sich ausruhte.

»Sie werden mich vielleicht unbescheiden finden, Herr Angelo, aber ich möchte gern wissen, wie es kam, daß Sie in Ihrer Kindheit so verlassen waren und in Not gerieten. Sollte es Ihnen jedoch irgendwie unangenehm sein, davon zu reden, so sagen Sie es mir bitte nicht.«

»Nein, es ist uns durchaus nicht unangenehm, Madam. Das Unglück, das uns traf, war freilich groß, aber niemand trug die Schuld. Unsere Eltern waren wohlhabende Leute drüben in Italien und wir ihre einzigen Kinder. Wir gehörten zum alten florentinischen Adel –« Rowenas Herz hüpfte, ihre Augen leuchteten, sie sperrte Mund und Nase auf – »und als der Krieg ausbrach, unterlag unseres Vaters Partei. Er konnte sich nur durch die Flucht retten, seine Güter wurden eingezogen, seine bewegliche Habe mit Beschlag belegt. So kamen wir denn nach Deutschland, fremd, ohne Freunde, an den Bettelstab gebracht. Wir zählten damals zehn Jahre, mein Bruder und ich, wir waren für unser Alter gut erzogen, auch sehr fleißig und lernbegierig. In der deutschen, französischen, spanischen und englischen Sprache besaßen wir ziemliche Kenntnisse, und was die Musik betrifft, so waren wir förmliche Wunderkinder – ich kann es wohl sagen, weil es die reine Wahrheit ist.

»Unser Vater überlebte sein Mißgeschick nur einen Monat, die Mutter folgte ihm bald ins Grab, und wir standen allein in der Welt. Die Eltern würden sich ein reichliches Einkommen gesichert haben, wenn sie sich entschlossen hätten, uns zur Schau zu stellen, man bot ihnen große Summen dafür; bei dem bloßen Gedanken jedoch empörte sich ihr Stolz – sie sagten, lieber wollten sie Hungers sterben. Sie hätten nie darein gewilligt, aber nach ihrem Tode mußten wir es doch thun, wir mochten wollen oder nicht. Um die Schulden abzutragen, welche durch ihre Krankheit und das Begräbnis entstanden waren, brachte man uns in ein sehr untergeordnetes Wandermuseum nach Berlin, wo wir das fehlende Geld verdienten. Es dauerte zwei Jahre, bis wir aus dieser Sklaverei befreit wurden; wir waren in ganz Deutschland umhergezogen, bekamen aber keinen Lohn, nicht einmal unseren Unterhalt. Von dem Geld für die Schaustellung erhielten wir nichts und mußten unser Brot erbetteln.

»Wie es uns weiter ging, Madam, ist bald erzählt. Als wir die Sklavenketten brachen, waren wir zwölf Jahre alt, doch in vieler Hinsicht schon selbstständig wie Männer. Aus unserer Erfahrung hatten wir manche wertvolle Belehrung geschöpft, hatten gelernt, für uns selbst zu sorgen, Schwindlern und Gaunern aus dem Wege zu gehen und unsere Angelegenheiten ohne fremde Hilfe so zu ordnen, daß wir Nutzen davon hatten. Jahrelang reisten wir hierhin und dorthin, übten uns in allerlei Sprachen, wurden mit ausländischen Sitten und Sehenswürdigkeiten vertraut und eigneten uns eine Bildung an, die ebenso umfassend wie vielseitig und ungewöhnlich war. Wir besuchten Venedig, London, Paris, Rußland, Indien, China, Japan – –«

In diesem Augenblick steckte die schwarze Nancy ihren Kopf durch die Thür.

»Das Haus ist gestopft voll Leute, Missis,« rief sie, »es läßt ihnen keine Ruh, bis sie die Herren da zu sehen kriegen!« Nancy nickte mit dem Kopf nach den Zwillingen hin und zog sich dann wieder zurück.

Es war ein stolzer Moment in Tante Patsys Leben. Nichts hätte ihr größere Genugthuung gewähren können, als ihre schönen fremdländischen Vögel den Freunden und Nachbarn vorzustellen. Diese einfachen Leute hatten überhaupt kaum je einen Ausländer zu Gesicht bekommen und sicherlich keinen von so hohem Rang und vornehmer Abkunft. Doch waren die Gefühle der Witwe noch mäßig im Vergleich zu dem, was ihre Tochter empfand. Rowena glaubte Flügel zu haben, ihr Fuß berührte kaum noch den Boden. Mit diesem glorreichen Tage ging ja ein neues Leben an – eine hochromantische Zeit in der sonst so ereignislosen Geschichte des unbedeutenden Landstädtchens. Sie aber konnte an der Quelle all der Herrlichkeit sitzen und sich nach Herzenslust von der Flut umrauschen lassen, während die andern Mädchen nur von ferne zusehen und sie beneiden durften, ohne Teil an ihrem Glück zu haben.

Die Witwe war bereit, ihre Gäste zu empfangen, Rowena nicht minder, und die Fremdlinge gleichfalls. So schritten sie denn allesamt durch die Hausflur und traten – die Zwillinge voran – in die offene Thür des Besuchszimmers, aus dem ein leises Stimmengewirr ertönte. Am Eingang stellten sich die Zwillinge auf, die Witwe nahm neben Luigi Platz, Rowena an Angelos Seite, und nun begann der Vorbeimarsch und die Vorstellungen. Tante Patsy lächelte über das ganze Gesicht vor innerer Befriedigung, sie begrüßte die Vorüberziehenden zuerst und dann kam Rowena an die Reihe.