Um die Mittagszeit sprach er im Hause des Richters vor und unterhielt sich mit Frau Pratt über das große Tagesereignis: die feierliche Vorstellung der beiden vornehmen Fremden bei Tante Patsy Cooper. Er erkundigte sich auch nach ihrem Neffen Tom, worauf sie sagte, er sei auf der Heimreise, sie erwarte ihn noch vor der Nacht zurück. Zugleich teilte sie ihm mit, wie sehr sie und der Richter sich gefreut hätten, aus Toms Briefen zu sehen, daß er sich eines höchst geordneten, anständigen Lebenswandels befleißige. Darüber hatte nun Wilson freilich im stillen seine eigenen Gedanken. Er mochte nicht geradezu fragen, ob bei ihnen Besuch im Hause wäre, aber er brauchte allerlei Wendungen, welche Frau Pratt Gelegenheit gegeben hätten, ihm ein Licht aufzustecken. Sie that das jedoch nicht, und so nahm er denn die Ueberzeugung mit fort, daß in ihrer Familie Dinge vor sich gingen, die er wisse, und von denen sie keine Ahnung habe.
Jetzt wartete er auf die Zwillinge und grübelte über das Rätsel nach, wer das Frauenzimmer sein könne und wie es am frühen Morgen in die Stube des jungen Driscoll geraten sei?
Neuntes Kapitel.
Es wird jetzt Zeit, daß wir uns danach umsehen, was inzwischen aus Roxy geworden ist.
Als sie freigelassen wurde und fortging, um sich eine Stelle zu suchen, war sie fünfunddreißig Jahre alt. Sie fand einen guten Platz als zweites Stubenmädchen auf dem ›Großmogul‹, einem Dampfboot, das zwischen Cincinnati und New Orleans Handel trieb. Nachdem sie die Fahrt ein paarmal gemacht hatte, war sie mit allen ihren Obliegenheiten genau vertraut und ganz entzückt von dem regen Leben und Treiben auf dem Dampfer und der Unabhängigkeit, die sie genoß. Bald darauf wurde sie zum ersten Stubenmädchen befördert, machte sich sehr beliebt bei den Offizieren und war stolz darauf, daß sie ihr so freundlich begegneten und Spaß mit ihr trieben.
Acht Jahre lang hatte sie während neun Monaten stets auf dem ›Großmogul‹ gedient, und den Winter über auf dem Vicksburger Postschiff. Jetzt litt sie aber schon seit vielen Wochen an Rheumatismus in den Armen und konnte die Wäsche nicht mehr besorgen. So mußte sie denn ihren Abschied nehmen, doch ihr bangte nicht vor der Zukunft, sie war nicht unbemittelt – sogar reich nach ihrer Ansicht. Ganz regelmäßig hatte sie nämlich jeden Monat vier Dollars auf eine Bank in New Orleans getragen, um im Alter einen Sparpfennig zu haben. Das hatte sie sich von vornherein vorgenommen. »Einmal bin ich so dumm gewesen und hab’ ’nem barfüßigen Nigger Schuh angezogen, damit er auf mir herumtreten kann,« sagte sie sich, »aber, so was thu’ ich nicht wieder!« Fortan wollte sie von keinem Menschen mehr abhängig sein, wenn sich das durch harte Arbeit und Sparsamkeit erreichen ließe. Als das Boot am Kai von New Orleans anlegte, sagte sie den Gefährten auf dem ›Großmogul‹ Lebewohl und ging mit ihren Habseligkeiten ans Land.
Eine Stunde später war sie aber schon wieder da. Das Geschäftshaus hatte Bankerott gemacht, und ihre vierhundert Dollars mit verpufft. So war sie denn bettelarm, heimatlos und wenigstens fürs erste außer stande, zu arbeiten. Die Offiziere hatten Mitleid mit ihrer traurigen Lage, sie veranstalteten eine Sammlung und übergaben ihr eine kleine Summe; mit diesem Geld wollte sie nach ihrem Geburtsort gehen, wo sie Freunde unter den Negern hatte. Sie wußte recht gut, daß die Unglücklichen ihren Schicksalsgenossen am ehesten beistehen; die armen Gefährten ihrer Jugend würden sie sicher nicht Hungers sterben lassen.
In Cairo bestieg sie das kleine Paketboot, das den Ortsverkehr vermittelte und näherte sich nun immermehr der Heimat. Ihre Gefühle gegen ihren Sohn hatten in der langen Zeit alle Bitterkeit verloren und sie konnte mit Gemütsruhe an ihn denken. Alles, was er ihr Böses zugefügt, suchte sie zu vergessen und sich nur an die Freundlichkeiten zu erinnern, die er ihr ab und zu erwiesen. Sie schmückte seine Gutthaten so lange aus, bis sie ihr in goldenem Licht erschienen und sie ordentlich anfing, sich nach ihm zu sehnen. Vielleicht hatte die Zeit ihn etwas milder gestimmt; wenn sie ihm schmeichelnd und unterwürfig nahte, wie eine Sklavin, – was sie natürlich thun mußte – so würde er sich am Ende freuen, seine alte, längst vergessene Wärterin wiederzusehen und sie gütig behandeln. Das wäre wunderschön und sie könnte sich damit leicht über ihre Schmerzen und alle Verluste trösten.
Bei dem Gedanken an ihre Armut fing sie an, ein neues Luftschloß zu bauen: vielleicht würde er ihr dann und wann eine Kleinigkeit geben, etwa einen Dollar monatlich; das wäre doch schon eine große, große Hilfe für sie.