Als Roxana in St. Louis ankam, fand sie ihren Sohn so voller Jammer und Verzweiflung, daß es ihr zu Herzen ging und alle mütterlichen Gefühle sich mächtig in ihr regten. Er war jetzt gänzlich zu Grunde gerichtet, nichts konnte ihn vom drohenden Untergang retten. Mehr braucht eine Mutter nicht, um ihr Kind zu lieben. Doch Tom schrak zurück vor den Beweisen ihrer Zärtlichkeit. Sie war eine Negerin, und es erhöhte nur noch seine Abneigung gegen die verachtete Rasse, daß er ihr selber angehörte.
Roxana überhäufte ihn nach Herzenslust mit Liebkosungen, wobei er sich sehr unbehaglich fühlte. Ihre Versuche, ihn zu trösten, waren alle vergebens. Bald wurden ihm ihre Vertraulichkeiten so unerträglich, daß er sich schon aufraffen wollte, um zu verlangen, sie solle sich in ihren Gefühlsäußerungen beschränken oder sie ganz unterdrücken. Aber er hatte Angst vor ihr und war froh, als sie jetzt von selbst mit den Liebesbezeugungen aufhörte und nachzudenken begann, um einen Rettungsplan zu finden. Nach einer Weile stand sie plötzlich auf und sagte zu Toms unaussprechlicher Freude, sie wisse jetzt einen Ausweg.
»Hör’ meinen Plan – der gelingt, du sollst’s sehen. Daß ich ’ne Negerin bin, merkt jeder, wenn ich spreche. Ich bin sechshundert Dollars wert. Nimm mich, verkauf’ mich und zahl’ deine Spielschulden.«
Tom riß die Augen weit auf, er glaubte nicht recht gehört zu haben. Eine Weile war er wie betäubt, dann sagte er:
»Willst du dich als Sklavin verkaufen lassen, um mich zu retten?«
»Bist du nicht mein Sohn? Alles thut ’ne Mutter für ihr Kind. Es giebt nichts, was ’ne weiße Mutter nicht für ihr Kind thäte. Wie kommt das? Uns’ Herrgott hat sie so geschaffen. Und wie steht’s mit ’ner Negermutter? Die hat der liebe Gott auch gemacht. Inwendig sind alle Mütter gleich. – Ich laß mich als Sklavin verkaufen, und nach’m Jahr zahlst du’s Lösegeld für deine alte Mammy. Wie du’s machen sollst, sag’ ich dir noch. – Das ist mein Plan.«
Tom schöpfte neue Hoffnung, sein Kleinmut war gewichen.
»Mammy,« sagte er, »das ist wirklich zu lieb von dir – offengestanden –«
»Sag’s noch ’mal, sag’s immer zu! Kann’s einen größeren Lohn auf Erden geben – nein, ’s ist übergenug. Ach Gottchen, wenn ich fort bin von hier, und ich mich abrackere, und sie mich schimpfen und schlagen, dann denk’ ich, daß du das irgendwo sagst, und dann halt’ ich’s schon aus.«
»Schon recht. Ich will’s noch einmal sagen und nicht aufhören, es zu wiederholen, Mammy. Aber, wie kann ich dich verkaufen? Du bist ja freigelassen.«