Wegen des rätselhaften Mädchens befragt, schwor Tom hoch und teuer, daß er keine solche Person kenne, auch nie ein Mädchen in einem solchen Anzug gesehen habe, wie ihn Wilson beschrieb. Er gab zu, daß er seine Zimmerthür häufig offen ließe, und daß die Diener zuweilen vergäßen, das Haus abzuschließen; trotzdem könne die Unbekannte ihren Besuch kaum öfters wiederholt haben, weil man sie sonst sicher entdeckt hätte. Als Wilson den Verdacht aussprach, daß sie die noch immer unaufgeklärten Diebstähle begangen und sich vielleicht als alte Frau verkleidet haben könne, wenn sie nicht deren Helfershelferin sei, fand Tom das ganz einleuchtend. Es kam ihm nicht unwahrscheinlich vor, und er sagte, er werde von nun an ein wachsames Auge auf derartige Personen haben, doch wäre sie vermutlich zu schlau, um sich sobald wieder in die Stadt zu wagen, wo man jetzt jedenfalls noch längere Zeit scharf aufpassen würde.
Jedermann hatte Mitleid mit Tom, er schien so bedrückt und traurig, offenbar empfand er seinen großen Verlust auf das schmerzlichste. – Ja, er spielte seine Rolle gut, aber es war nicht alles Heuchelei. Das Bild seines Onkels, wie er ihn zuletzt gesehen hatte, erschien ihm häufig bei Nacht, wenn er nicht schlafen konnte oder verfolgte ihn im Traum. Daß er sich weigerte, das Zimmer zu betreten, wo die grauenvolle That verübt worden war, machte der liebevollen Frau Pratt einen besonders tiefen Eindruck. Sie sagte, sie erkenne daraus die zarte, empfindsame Natur ihres Lieblings so deutlich wie nie zuvor und nun erst wisse sie, mit welcher Innigkeit er an seinem armen Onkel gehangen habe.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Langsam schleppten sich die Wochen dahin; niemand besuchte die Brüder im Gefängnis außer ihrem Verteidiger und der Tante Patsy Cooper. Endlich kam der Tag der Gerichtsverhandlung; es war der schwerste Tag in Wilsons Leben, denn trotz seiner unausgesetzten Bemühungen hatte er auch nicht die leiseste Spur des fehlenden Mitverschworenen entdeckt. Ob die Bezeichnung ›Mitverschworener‹ für jene unbekannte Persönlichkeit überhaupt die richtige war, schien ihm allerdings zweifelhaft. Er hatte sie eben stillschweigend gewählt, obwohl er nie begreifen konnte, warum die Zwillinge nicht gleichfalls entflohen und verschwunden waren, statt auf dem Schauplatz des Mordes zurückzubleiben und sich festnehmen zu lassen.
Scharen von Menschen strömten nach dem Gerichtshause; das Gedränge dort war groß, und man konnte voraussehen, daß es bis zum Schluß der Verhandlung nicht abnehmen würde, denn nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch auf viele Meilen im Umkreis, sprach man im Volke von nichts anderem. Neben Pembroke Howard, dem Staatsanwalt, hatten die nächsten Anverwandten ihre Plätze; dort saß Frau Pratt in tiefer Trauer, und Tom mit dem Kreppstreifen um den Hut. Hinter ihnen nahmen die zahlreichen Freunde der Familie die ersten Bänke ein.
Zu dem Verteidiger der Zwillinge hielt sich niemand, außer ihrer armen, alten, tiefbetrübten Wirtin! Sie saß an Wilsons Seite und machte ein so freundliches Gesicht, wie sie irgend konnte. Im Negerwinkel hatte sich Schamber eingefunden, desgleichen Roxy, die ihren Kaufbrief in der Tasche trug. Es war ihr teuerstes Besitztum, von dem sie sich weder bei Tag noch bei Nacht trennen mochte. Als Tom in sein Erbe gekommen war, hatte er ihr ein Monatsgeld von fünfunddreißig Dollars ausgesetzt und geäußert, sie müßten beide den Zwillingen dankbar sein, die sie reich gemacht hätten. Darüber war Roxy aber in so großen Zorn geraten, daß Tom sich wohl hütete, die Bemerkung noch einmal zu machen. Der alte Richter, sagte sie, sei gegen ihren Sohn viel tausendmal zu gut gewesen und ihr selbst hätte er sein Leben lang nichts zu leide gethan. Sie wäre ganz wild vor Wut über die beiden ausländischen Teufel, die ihn umgebracht hätten und würde nicht eher wieder ruhig schlafen, bis sie am Galgen hingen. Sobald ihnen das Urteil gesprochen wäre, wollte sie laut ›Hurrah‹ schreien, daß die Wände davon wiederhallten, und wenn sie der Bezirksrichter auch ein Jahr lang dafür ins Gefängnis steckte.
Pembroke Howard trug als Staatsanwalt die öffentliche Anklage in kurzen Worten vor. Er machte sich anheischig, durch eine zusammenhängende Kette von Beweisen überzeugend darzuthun, daß der Hauptangeklagte den Mord begangen habe, teils aus Rache und teils um sein eigenes Leben vor Gefahr zu schützen. Sein Bruder aber sei bei dem Verbrechen zugegen gewesen und habe dadurch seine Zustimmung und Mitschuld kundgethan. Dieser Meuchelmord, einem tückischen, verworfenen Gemüt entsprungen, sei die verruchteste That, die eine feige Hand nur begehen könne. Sie habe das Herz einer liebenden Schwester gebrochen und das Glück eines jungen Neffen zerstört, der dem Toten so teuer gewesen sei wie ein eigener Sohn. Zahlreiche Freunde beklagten ihren unersetzlichen Verlust, und die ganze Stadt trauere um ihren trefflichsten Bürger. Deshalb fordere das Gesetz für den Frevel die höchste zulässige Strafe, die auch ohne Zweifel an dem hier gegenwärtigen Uebelthäter in aller Strenge vollzogen werden würde. Das übrige, was er noch zu sagen habe, wolle er für seine Schlußbemerkung aufsparen.
Der Redner war heftig bewegt und mit ihm das ganze Haus. Als er wieder Platz nahm, brachen Frau Pratt und einige ihrer Freundinnen in Thränen aus, und mancher haßerfüllte Blick flog zu den unglücklichen Gefangenen hinüber.
Ein Zeuge nach dem andern wurde nun aufgerufen und eingehend befragt, aber ihr Kreuzverhör war kurz, weil Wilson wohl wußte, daß sie nichts auszusagen hatten, was sich für die Verteidigung verwerten ließ. Der Querkopf wurde von aller Welt bedauert, denn in diesem Prozeß konnte er für seine kaum erst begonnene Laufbahn keine Lorbeeren pflücken.