»In solchen Fällen übersieht man fast regelmäßig irgend eine Kleinigkeit – eine geringfügige Spur bleibt zurück und ermöglicht die Entdeckung; aber hier ist auch nicht die leiseste Andeutung mehr vorhanden. Ebenso gut könnte man den Zug eines Vogels verfolgen wollen, der bei Nacht durch die Luft fliegt. Wer die Spur des Vogels in der Luft finden kann, wenn er davongeflogen ist, der und kein anderer wird auch meine Bahnen aufzuspüren wissen und den Mörder des Richters entdecken. Daß diese Arbeit gerade dem armen Querkopf Wilson aufgebürdet wird, ist wirklich ein tragikomisches Verhängnis. Wie muß er sich quälen und abhaspeln mit der Verfolgung der Unbekannten, die nirgendwo ist, während ihm der rechte Mann die ganze Zeit über am Ellbogen sitzt.« Je mehr er die Lage der Dinge überdachte, um so mehr fiel ihm ihre spaßhafte Seite auf. Endlich sagte er: »Mit dem Frauenzimmer will ich ihn hänseln, bis an sein Lebensende. So oft ich ihn in Gesellschaft treffe, frage ich ihn mit der unschuldigsten Miene von der Welt: ›Wie steht’s, Querkopf – hast du ihre Fährte gefunden?‹ Das wird ihm so ärgerlich sein, wie früher meine Erkundigung nach seiner ungeborenen Anwaltspraxis.« Er hätte laut auflachen mögen, doch das ging nicht an, es waren Leute zugegen und er trauerte ja um seinen Onkel. Aber das Vergnügen wollte er sich doch machen, heute abend bei Wilson vorzusprechen, um zu sehen, welche Pein ihm seine aussichtslose Verteidigung bereitete. Vielleicht konnte er das eine oder andere Wort des Bedauerns und Mitleids einfließen lassen, so daß der Querkopf vollends außer sich geriete.
Wilson hatte sich kein Abendbrot bringen lassen, ihm war alle Eßlust vergangen. Er holte seine ›Protokolle‹ mit den Fingerabdrücken sämtlicher Mädchen und Frauen hervor und starrte sie wohl über eine Stunde in düsterm Schweigen an, um sich zu überzeugen, ob er nicht doch vielleicht die Spuren jenes verdächtigen Mädchens übersehen haben könne. Aber es war alles vergebens. Endlich lehnte er sich in den Stuhl zurück, verschränkte die Hände über dem Kopf und überließ sich finstern, unfruchtbaren Gedanken.
Noch spät am Abend trat Tom Driscoll bei ihm ein, setzte sich und sagte in munterem Ton:
»Was sehe ich! Du hast zum Trost dein altes Steckenpferd aus der Zeit deiner Verkennung und Zurücksetzung wieder aufgenommen!« Er griff nach einem der Gläser und hielt es ans Licht, um es genau zu betrachten. »Verliere nur den Mut nicht, altes Haus! Weil deine neue Sonnenscheibe Flecken hat, brauchst du doch nicht gleich alles aufzugeben und den unnützen Kinderkram vorzuholen. So etwas geht vorbei, und dann bist du wieder obenauf.« – Er legte das Glasplättchen hin. »Hast du denn gedacht, du müßtest immer Erfolg haben?«
»O nein, durchaus nicht,« erwiderte Wilson mit einem Seufzer; »aber ich kann nicht glauben, daß Luigi deinen Onkel getötet hat, und er thut mir von Herzen leid. Es macht mich ganz schwermütig, und dir würde es ebenso gehen, wenn du kein Vorurteil gegen die jungen Leute hättest.«
»Das ist noch sehr die Frage,« sagte Tom mit finsterer Miene, denn ihm fiel der Fußtritt wieder ein, den er erhalten hatte. »Es ist wahr, ich bin ihnen wenig Dank schuldig, wenn ich daran denke, wie mich der Braune an jenem Abend behandelt hat. Aber Vorurteil hin – Vorurteil her – ich kann sie nun einmal nicht ausstehen, und wenn ihnen nach Verdienst geschieht, werde ich mir keine grauen Haare um sie wachsen lassen.«
Wieder nahm er ein Glasplättchen in die Hand und besichtigte es. »Wahrhaftig, da steht der Name der alten Roxy darunter! Willst du denn die Königspaläste auch mit den Abdrücken von Negerpfoten verzieren? Nach dem Datum zu urteilen, war ich sieben Monate alt, als das gemacht wurde; sie pflegte und wartete mich damals zusammen mit ihrem Negerjungen. Bei ihrem Daumen geht eine Linie quer über den Abdruck. Woher kommt das wohl?« Tom reichte Wilson das Plättchen hin.
»Von irgend einem alten vernarbten Riß oder Schnitt,« antwortete dieser seinem Quälgeist in abgespanntem Ton, »man findet das häufig.« Er nahm das Glas gleichgültig zur Hand und hielt es gegen die Lampe. Plötzlich wich alles Blut aus seinem Gesicht, seine Hand zitterte und er starrte mit förmlich verglastem Blick auf die glatte Fläche vor seinen Augen.
»Um alles in der Welt, was ist denn mit dir los, Wilson, willst du in Ohnmacht fallen?«
Tom holte ihm rasch ein Glas Wasser, aber Wilson fuhr schaudernd davor zurück.