In meinem Tagebuch finde ich folgenden Eintrag: »Juli 1. Gestern wurde ein Kranker mit Erfolg von einem Wort mit 13 Silben Länge befreit; der Kranke war ein Norddeutscher von Hamburg. Da aber die Chirurgen den Kranken unglücklicherweise an der falschen Stelle aufschnitten, in der Meinung, er habe ein Panorama verschluckt, so starb er. Das Ergebnis hat die Stadt in Trauer versetzt.«
An diese Notiz möchte ich einige Bemerkungen über eine der sonderbarsten Erscheinungen unseres Gegenstandes knüpfen; nämlich über die Länge deutscher Wörter. Einige davon sind so lang, daß sie einen Schatten werfen und perspektivisch wirken, z. B.:
- Freundschaftsbezeugungen,
- Dilettantenaufdringlichkeiten,
- Stadtverordnetenversammlungen.
Das sind keine Wörter mehr; das sind alphabetische Prozessionen. Man sieht sie in jeder Nummer einer Zeitung majestätisch einherschreiten und mit einiger Einbildungskraft kann man die zur Prozession gehörigen Banner fliegen sehen und die Musik hören. Sie verleihen dem schmächtigsten Begriff etwas ungemein Großartiges. So oft ich ein gelungenes Exemplar von einem solchen Worte finde, verleibe ich es meinem Museum ein. Ich habe bereits eine Sammlung beieinander. Meine Duplikate tausche ich mit andern Sammlern aus. Anbei einige Prachtexemplare, welche ich neulich auf der Auktion erstand:
- Generalstaatenverordnetenversammlung,
- Altertumsforschungswissenschaften,
- Kleinkinderbewahrungsanstalten,
- Wiederherstellungsbestrebungen,
- Waffenstillstandsverhandlungen.
Wenn solch eine Alpenkette sich stolz hinzieht über eine Druckseite, so muß dadurch die litterarische Landschaft bedeutend verschönert werden; aber für den Anfänger in der Sprache sind diese Gebirge ein großes Hindernis; sie versperren ihm den Weg, er kann weder unten durch, noch darüber weg, höchstens per Tunnel, wo einer ist. Nimmt er seine Zuflucht zum Wörterbuch, so läßt ihn das im Stich. Mit solchen zusammengesetzten Wörtern befaßt es sich nicht. Man muß zuvor das Wort durch den Chemiker in seine Bestandteile auflösen lassen und dann die einzelnen Brocken im Wörterbuch aufsuchen.
Also jetzt habe ich gezeigt, wie schwierig die deutsche Sprache ist, oder zum wenigsten habe ich mich bemüht, es zu zeigen.
Ein Student aus Amerika soll auf die Frage, wie er mit seinem Deutsch zurechtkomme, ohne Zögern erwidert haben: »Ich komme gar nicht damit zurecht. Drei volle Monate habe ich es mir sauer werden lassen und kann nur den einen Satz aufweisen: ›Zwei Glas‹! (two glasses of beer).« Nach einem Augenblick stummen Nachsinnens setzte er mit Emphase hinzu: »Aber das habe ich auch fest im Kopf!«
Die englische Sprache, will mir scheinen, verfügt in der Beschreibung lärmender, erhaben-schrecklicher Dinge über kräftigere, klangvollere, bezeichnendere Worte als die deutsche. Klänge wie: boom, burst, crash, roar, bellow, blow, thunder, explosion, howl, cry, shout, yell, battle, hell, sind von prächtiger Wirkung, voll Kraft und Großartigkeit. Die entsprechenden deutschen Worte kommen mir viel schwächer vor; einzelne klingen so sanft, daß man Kinder damit in Schlaf bringen könnte; wie zahm klingt z. B. Schlacht, Gewitter! Als stärksten Ausdruck für unser explosion hat man im Deutschen – Ausbruch! Da liegt in unserm toothbrush (Zahnbürste) etwas Fürchterliches im Vergleich.
Nach dieser Erörterung der Gebrechen der deutschen Sprache gehe ich jetzt an die kurze angenehme Aufgabe, deren Vorzüge hervorzuheben. Das Großschreiben der Hauptwörter habe ich bereits erwähnt. Aber noch weit über diesem steht ein anderer, – nämlich der, die Wörter zu schreiben, wie man sie ausspricht. Nach kurzer Unterweisung weiß der Anfänger von jedem deutschen Wort, wie es ausgesprochen wird, während in unserer Sprache der Schüler damit die größten Schwierigkeiten hat. Ferner ist die deutsche Sprache ungemein reich an Ausdrücken für das friedliche, heimelige, trauliche, häusliche Dasein; für alles, was mit Liebe, kindlichem Gefühl und Freundlichkeit gegen Fremde zusammenhängt; endlich für das mannigfaltige Leben und Weben in der Natur. Es giebt deutsche Lieder, welche selbst den der Sprache Fremden zu Thränen rühren; das beweist, wie treffend der Klang der Worte ist. Er bringt deren Bedeutung so treu und wahr zum Ausdruck, daß sie, auch unverstanden, dem Fremden durchs Ohr zu Herzen dringen.