»Blutvergießen!«

»Das sollte es wohl sein! Was, wenn ich fragen darf, wäre Ihre Absicht, zu vergießen, wenn nicht Blut?«

Damit hatte ich ihn fest. Er sah, daß er sich verrannt hatte, und beeilte sich, seinen Mißgriff hinwegzuerklären. Er habe nur im Scherz gesprochen, und setzte hinzu, sein Auftraggeber würde über Aexte entzückt sein und sie jeder anderen Waffe vorziehen, wenn dieselben nicht unglücklicherweise durch den französischen Ehrenkodex ein für allemal ausgeschlossen seien. Ich müsse mich deshalb zu einem andern Vorschlag entschließen.

Ich ging ein paarmal auf und nieder und überlegte, wozu ich mich entschließen sollte. Es war das angesichts der Wucht des vorliegenden Falles keine Kleinigkeit. Plötzlich schoß mir der rettende Gedanke durch den Kopf, daß Gatling-Kanonen sehr wohl dazu angethan seien, auf fünfzehn Schritt selbst eine so gewichtige und verwickelte Ehrenfrage für immer zu lösen, und formulierte diesen Gedanken sofort zu einem neuen Vorschlag. Aber auch damit sah ich mich zurückgewiesen, und wieder war es der französische Ehrenkodex, welcher mir im Wege stand. Hierauf sprach ich mich für Chassepotgewehre, sodann für doppelläufige Flinten und schließlich für Kavallerierevolver aus. Eins nach dem andern wurde zurückgewiesen, und nachdem ich halb erschöpft eine weitere halbe Stunde nachgedacht hatte, schlug ich, von plötzlichem sarkastischem Mutwillen übermannt, Ziegelsteine auf dreiviertel Meilen vor.

Von jeher ist mir nichts widerwärtiger gewesen, als einen guten oder schlechten Witz an einen Menschen zu verschleudern, der für keines von beiden das leiseste Verständnis hat. Ich bin daher noch heute außer stande, den Ingrimm zu beschreiben, welcher mich erfaßte, als ich den Mann im vollsten Ernst mit dem Kopf nicken und hinweggehen sah, um meinen letzten Vorschlag Herrn Fourtou zu unterbreiten. Nach einigen Minuten erschien er wieder und meldete mir, ohne mit einer Wimper zu zucken und in der geschäftsmäßigsten Weise der Welt, daß sein Duellant von der Idee mit den Ziegelsteinen auf dreiviertel Meilen ganz begeistert sei, und daher um so mehr bedaure, darauf verzichten zu müssen aus Rücksicht für die ganz und gar unschuldigen und an der Sache unbeteiligten Personen, welche zur Zeit des Duells nicht umhin könnten, zwischen den beiden Kämpfern hindurch zu gehen. Ich mußte ihm recht geben, ohne jedoch fähig zu sein, noch einen weiteren Vorschlag zu machen.

»Ich bin jetzt mit meiner Weisheit zu Ende,« sagte ich zusammenknickend. »Vielleicht würden Sie so gut sein und mir irgend eine Waffe namhaft machen, welche der Würde dieses historischen Vorgangs ebenso entspräche, wie dem unverkennbaren Wunsch der beiden Gegner, einander zu töten. Vielleicht fällt Ihnen eine solche ein – oder haben wohl Sie schon die ganze Zeit über eine im Auge gehabt?«

Sein Antlitz verklärte sich und er rief mit aufatmender Bereitwilligkeit:

»Gewiß, mein Herr! Bei der großen Rolle, die der Ehrenpunkt im öffentlichen französischen Leben spielt, sind wir stets für solche Fälle gerüstet.« Und er begann mit Fingern und Händen, welche vor Aufregung zitterten, eine Jagd durch seine Taschen – eine Hetze von Tasche zu Tasche, welche ihn über das ganze Revier seines Anzuges führte, deren Erfolglosigkeit jedoch in den mehrfach gemurmelten Worten: »Was habe ich nur damit angefangen?« ihren Ausdruck fand. Aber er ließ sich durch diese ersten verfehlten Versuche nicht einschüchtern, und so gelangte er schließlich in einen inneren weltentlegenen Schlupfwinkel von Westentäschchen, aus dem er triumphierend ein paar kleine Dinge herauszog, die ich ans Fenster trug und in der dort herrschenden besseren Beleuchtung als dem Geschlecht der Pistolen angehörend erkannte. Es waren einläufige Terzerole, ganz und gar mit Silber beschlagen und wirklich die niedlichsten und zierlichsten Spielzeuge dieser Art, welche ich je gesehen. Ich war vor Erstaunen sprachlos. Da ich aber doch eine Meinung äußern mußte, so nahm ich die eine der beiden angeblichen Pistolen und befestigte sie an meiner Uhrkette. Die andere gab ich dem Sekundanten des Herrn Fourtou zurück, welcher sie in seinem Portemonnaie in Sicherheit brachte. Gleichzeitig entnahm er demselben eine zusammengelegte Briefmarke, faltete sie auseinander und brachte ein paar kleine, pillenartige Gebilde zu Tage, von denen er eines mit dem Bemerken, daß dies die dazu gehörende Patrone sei, im Innern meiner hohlen Hand verschwinden ließ. Ich fragte meinen Verbrechensgenossen, ob er gesonnen sei, unseren Duellanten nur je einen Schuß zu erlauben, worauf er mir erwiderte, daß der französische Ehrenkodex nicht mehr gestatte. Hierauf ersuchte ich ihn, die Entfernung zu bestimmen, drückte mich jedoch, da unter dem Eindruck unsrer Verhandlungen meine geistige Klarheit getrübt zu werden begann, so dunkel aus, daß ich von ›Schritten‹ sprach und Zahlen, wie ›drei‹ und ›fünf‹, fallen ließ. Erst als ich ihn ohne jede vorgreifende Bestimmung meinerseits einfach bat, seine Distanz zu nennen, verstand er mich und sagte mit dem Tone eines Mannes, welcher die ungeheure Verantwortlichkeit, die er damit auf sich nahm, voll empfand:

»Fünfundsechzig Meter!«