I.
Es war am Morgen eines bitterkalten Wintertages. Die Stadt Eastport im Staate Maine lag unter tiefem, frisch gefallenem Schnee begraben. Das gewöhnliche geschäftige Treiben auf den Straßen fehlte; weit und breit auf denselben nichts als eine weiße Decke und entsprechende Stille. Die Trottoirs waren nur noch lange, tiefe Gräben mit steilen Schneehügeln zu beiden Seiten. Hie und da konnte man das schwache, ferne Kratzen einer hölzernen Schaufel vernehmen und ein flüchtiges Bild von einer entfernten, schwarzen Gestalt erhaschen, die sich bückte und in einem jener Gräben verschwand, um im nächsten Augenblick wieder aufzutauchen, mit einer Bewegung, die das Herausschaufeln von Schnee verriet. Aber man mußte rasch blicken, denn jene schwarze Gestalt verweilte nicht, sondern ließ bald die Schaufel fallen und lief auf das Haus zu, wobei sie mit den Armen um sich warf, um sich zu wärmen. Ja, es war zu bitter kalt, als daß ein Schneeschaufler oder sonst jemand lange draußen bleiben konnte.
Bald darauf verdüsterte sich der Himmel: der Wind hatte sich erhoben und wirbelte in heftigen ungleichen Stößen ganze Wolken pulverigen Schnees in die Höhe und nach allen Seiten. Unter der Wucht dieser Windstöße legten sich große weiße Schneehügel wie Gräber quer über die Straßen; einen Augenblick später bettete sie ein anderer Windstoß in anderer Richtung, wobei er einen feinen Sprühregen Schnees von ihren spitzen Kämmen fegte, wie eine frische Brise den Schaum von den Wogen spritzt; einem dritten Stoß gefiel es, den Platz so glatt zu fegen wie einen Tisch. Das war Tändelei, das war Spiel; aber daß es keiner von diesen Windstößen unterließ, einen Haufen Schnee in die Trottoirgräben zu werfen, das gehörte offenbar zum Geschäft.
Alonzo Fitz Clarence saß in seinem behaglichen und eleganten kleinen Empfangszimmer, in einem blauseidenen, mit Aufschlägen und Säumen von karmoisinrotem Sammet besetzten Schlafrock. Die Ueberreste seines Frühstücks standen vor ihm, und das zierliche und kostbare Tischzeug fügte der Anmut, Schönheit und dem Reichtum der Ausstattung des Zimmers noch einen weiteren harmonischen Reiz bei. Ein lustiges Feuer prasselte im Kamin.
Ein wütender Windstoß ließ die Fenster erzittern, und eine große Schneewoge rollte gegen sie, wenn man so sagen darf. Der hübsche junge Mann murmelte:
»Das bedeutet – keinen Ausgang heute! Nun meinetwegen. Aber wie steht's mit der Unterhaltung? Mutter ist ja ganz recht, Tante Susanne ebenso; aber diese beiden kann ich immer haben. An einem so bösen Tag bedarf es eines neuen Interesses, eines frischen Elements, um die stumpfe Schneide der Gefangenschaft zu schärfen. Eine hübsche Phrase – hat aber keinen Sinn! Man will ja die Schneide der Gefangenschaft nicht geschärft haben, sondern gerade das Gegenteil.«
Er blickte auf seine hübsche französische Stutzuhr.
»Die Uhr geht wieder falsch; sie weiß kaum je, was die Zeit ist, und wenn sie es weiß, lügt sie mich an, was auf dasselbe hinausläuft. – Alfred!«
Keine Antwort.