»Zum Kuckuck mit dem Wetter! Ich weiß nicht, wie du's übers Herz bringen kannst, mir so mitzuspielen, Lon.«

»Nun, nun, lieb' Tantchen, es thut mir leid – wirklich, bei meiner Treu, ich will's nicht wieder thun. Vergiebst du mir?«

»Meinetwegen, ich sollte es freilich nicht thun; denn du hältst mich doch wieder zum Besten, sobald ich diesen Streich vergessen habe.«

»Nein, gewiß nicht – mein Wort darauf. Aber solch ein Wetter, o, solch ein Wetter! Man muß seine Lebensgeister künstlich aufrecht erhalten. Schneeig, windig, stürmisch und bitterkalt, alles auf einmal! Wie ist das Wetter bei euch?«

»Warm, regnerisch und trübselig. Es wimmelt auf den Straßen von Regenschirmen, und von dem Ende jedes Fischbeins ergießt sich ein Strom. Der Behaglichkeit wegen brennt ein Feuer in meinem Kamin, und damit es nicht so warm wird, sind die Fenster offen. Aber es ist umsonst: nichts kommt herein als der linde Hauch des Dezember, geschwängert von den Düften der Blumen, welchen die Außenwelt gehört und die sich ihres wonnigen Lebens freuen, während der Geist des Menschen niedergeschlagen ist, die ihm entgegenleuchten in bunter Pracht, während seine Seele in Sack und Asche gekleidet ist und sein Herz brechen möchte.«

Alonzo öffnete die Lippen, um zu sagen: »Du solltest das drucken und einrahmen lassen,« unterließ es aber, als er seine Tante mit einer andern Person sprechen hörte. Er trat ans Fenster und schaute hinaus auf das winterliche Straßenbild. Der Sturmwind trieb den Schnee wütender als je vor sich her; die Fensterläden wurden lärmend hin- und hergeworfen; ein verirrter Hund mit gesenktem Kopf und eingezogenem Schweif drängte seinen zitternden Körper gegen eine windgeschützte Mauer, Obdach und Schutz suchend; ein junges Mädchen watete knietief durch die Schneehaufen; sie hatte das Gesicht vom Winde abgewandt, und die Kaputze ihres Regenmantels flatterte von hinten über ihren Kopf. Alonzo schauderte und er sagte mit einem Seufzer: »Lieber Kotpfützen und schwüler Regen, und aufdringliche Blumen, als das!«

Er wandte sich vom Fenster ab, machte einen Schritt und blieb dann in lauschender Haltung stehen. Die schwachen, sanften Töne eines wohlbekannten Liedes schlugen an sein Ohr. Er blieb mit vorwärts gebeugtem Kopf stehen und sog die Melodie ein, – weder Hand noch Fuß rührte sich, er atmete kaum. Dem Vortrag des Liedes fehlte etwas; unserem Alonzo aber schien das kein Fehler, sondern eher ein weiterer Reiz zu sein. Dieser Fehler bestand in einem auffallenden Sinken der Stimme bei der dritten bis siebenten Note des Refrains oder Chors des Liedes. Als der Gesang zu Ende war, holte Alonzo tief Atem und sagte: »Ah, nie zuvor habe ich ›In the Sweet By-and-By‹ so schön singen hören!«

Er schritt rasch zum Pult, horchte einen Augenblick und sagte dann leise und vertraulich: »Tantchen, wer ist denn diese göttliche Sängerin?«

»Es ist der Besuch, den ich erwartete. Bleibt einen bis zwei Monate bei mir. Will dich ihr vorstellen, – Fräulein …«