Zu meiner Rechten saß ein alter Bekannter von mir. Er war jetzt Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt bekleidet, sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule zu Woolwich und im Feldlager zugebracht. In seinen Augen schimmerte ein seltsam verschleierter Glanz, als er sich jetzt zu mir herabbog und auf den Helden deutend, dem die Feier galt, mir verstohlen zuflüsterte:
»Im Vertrauen gesagt – er ist ein Dummkopf, wie es keinen zweiten giebt.«
Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über Napoleon, Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen hätte nicht größer sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers zweifelte ich keinen Augenblick, auch wußte ich, daß er große Menschenkenntnis besaß. Daher stand es für mich sofort mit unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich die Welt in betreff dieses Helden im Irrtum befinden müsse: er war wirklich ein Dummkopf. Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der Pfarrer ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe. Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen.
Einige Tage später that ich das und der Pfarrer erzählte folgendes:
»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule zu Woolwich und hörte in der Abteilung, bei welcher sich der junge Scoresby befand, dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem Mitleid bemerkte ich, daß, während seine Klassengefährten kluge und richtige Antworten gaben, er sozusagen gar nichts wußte. Er machte den Eindruck eines guten, freundlichen, harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen und es war mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten geben zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit und Dummheit verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte ich mir, daß er zwar beim Examen bestimmt durchfallen müsse, es aber doch menschenfreundlich wäre ihm beizustehen, damit seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden schmettere.
»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß er mit Cäsars Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im übrigen gar nichts wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte ihm, im Schweiße meines Angesichts, ein Dutzend Antworten auf die herkömmlichen Fragen über Cäsar ein. Und mit Hilfe dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei – sollte man sich so etwas vorstellen – bestand er nicht nur sein Examen glänzend, sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere, die tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, daß keine Frage an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die Antwort nicht eingepaukt hatte.
»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm meine Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem schwächlichen Kinde – und siehe da – jedesmal rettete er sich wie durch ein Wunder vor dem Untergang.
»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch leiden, das war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich zu machen, wie es ging. Ich richtete ihn ab und stopfte in ihn hinein so viel ich konnte, paukte ihm die Antwort ein, die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit nach verlangen würde, und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun denken Sie sich meine Verwunderung und Bestürzung, als er den Preis erhielt und alle Anwesenden seines Lobes voll waren.
»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir lag eine Last auf der Seele als hätte ich ein Verbrechen begangen. Eine Woche lang that ich kein Auge zu – und doch hatte ich nur aus reinstem Mitleid dem armen Jungen beigestanden, damit seine Niederlage nicht gar zu kläglich werden möchte. Der Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie das vorliegende, wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet, vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit. Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so war er und seine Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar verloren.