Erstes Kapitel.
Ein Jahr war herum, seitdem Tom Sawyer und ich unsern alten Neger Jim befreit hatten, der auf der Farm von Toms Onkel Silas in Arkansas als fortgelaufener Sklave in Ketten gelegt worden war. Nun wurde es Frühling; der gefrorene Boden taute auf und mildere Lüfte wehten. Immer näher winkte die Zeit, wo man wieder barfuß gehen konnte; dann kam das Murmelspiel an die Reihe, später Kreisel und Reifen oder man ließ den Drachen steigen, und wenn es endlich Sommer geworden war ging’s zum schwimmen. Doch das lag unabsehbar fern, und der Gedanke, wie lange es noch dauern muß, bis der Sommer kommt, macht unsereinen ganz schwermütig. Dann schleicht so ein armer Junge trübselig umher; er seufzt und stöhnt und weiß nicht was ihm fehlt. Er sucht sich ein einsames Fleckchen hoch oben am Berghang, wo er weit hinausschauen kann, wie der große Mississippi sich um eine Landzunge nach der andern windet, bis er mit der dämmerigen Ferne verschwimmt. Alles ist so still und feierlich wie beim Begräbnis, und man wünscht, man wäre selber tot und begraben, damit das Erdenleid ein Ende hätte.
Wißt ihr, wie die Krankheit heißt? Man nennt sie Frühlingsfieber. Und wenn sie einen befällt, hat man immerzu Herzweh, man weiß nicht wonach. Man möchte weit weg von dem ewigen Einerlei der alltäglichen Dinge, die einem zum Ueberdruß sind. Etwas Neues sehen und als Wanderer in fremde Länder ziehen, wo alles wunderschön, geheimnisvoll und noch nie dagewesen ist – ja, danach sehnt man sich. Doch nimmt man allenfalls auch mit einer kleineren Wanderschaft fürlieb und ist froh, wenn man überhaupt fort kann.
Also, wir beide litten stark am Frühlingsfieber, Tom Sawyer und ich. Aber es war gar keine Aussicht vorhanden, daß Tom etwa die Schule versäumen und über Land gehen durfte; seine Tante Polly hielt das für Zeitverschwendung und hätte es nie zugegeben. Recht mutlos und niedergeschlagen saßen wir eines Tages gegen Sonnenuntergang draußen auf den Steinstufen und bliesen Trübsal; da kam Tante Polly mit einem Brief in der Hand gegangen.
»Tom,« sagte sie, »du wirst wohl dein Bündel schnüren müssen, um dich nach Arkansas auf den Weg zu machen – Tante Sally verlangt nach dir.«
Ich hätte vor Freude aus der Haut springen mögen und glaubte nicht anders, als daß Tom seiner Tante um den Hals fallen und sie halbtot herzen würde; aber er saß stockstill da und that keinen Mucks. Warum er nur solch ein Narr war, die herrliche Gelegenheit, die sich ihm bot, nicht beim Schopf zu fassen? Sie konnte ihm leicht entgehen, wenn er jetzt nicht bald den Mund aufthat und sagte, wie froh und dankbar er wäre. Ich war ganz außer mir und dem Weinen nahe, als er immer weiter lernte und lernte und zuletzt ganz gelassen sagte:
»Es thut mir sehr leid, Tante, aber davon kann wirklich jetzt keine Rede sein!« – Da hätt’ ich ihn totschießen können.
Tante Polly war wie vor den Kopf geschlagen und so voll Zorn über die freche Antwort, daß sie eine ganze Minute lang sprachlos dastand und mir Zeit ließ, Tom einen Puff zu geben und ihm zuzuflüstern:
»Bist du denn übergeschnappt? Wie kannst du ein solches Glück wegwerfen und mit Füßen treten?«