»Wahrhaftig, so eine vernagelte Dummheit kann einen ja ganz krank machen! Wenn einer von euch beiden ’was von Weltgeschichte gelesen hätte, so würde er wissen, daß Richard Kördeloon und der Papst und Gottfried von Buloon und ’ne Masse andere höchst edelherzige und fromme Leute mehr als zweihundert Jahre lang auf die Heiden losgedroschen und losgehackt haben, um ihnen ihr Land wegzunehmen, und daß sie die ganze Zeit über bis an den Hals in Blut wateten – und hier erlauben sich ein paar Dummköpfe von Hinterwäldlern am Missouri die Anmaßung, besser als alle jene Helden wissen zu wollen, was Recht und was Unrecht an den Kreuzzügen gewesen sei. Quatscht ihr und der Deubel!«

Na, das ließ natürlich die Sache in einem ganz andern Licht erscheinen, und Jim und ich kamen uns recht gering und unbedeutend vor und wir dachten bei uns, wir hätten lieber nicht so vorlaut sein sollen. Ich konnte keine Worte finden und Jim brachte ’ne Zeit lang auch nichts heraus; endlich aber sagte er:

»Nu, so ich denken, alles sein in die Richte; denn wenn sie nix wußten, wie sollten wir arme dumme Leut’ versuchen, was zu wissen? Und so, wenn’s unsere Schuldigkeit is, nu, so müssen wir Werk in Hand nehmen und tun, was möglich sein. Aber die arme Heidenvolk tun mir leid. Sein es nix hart, Leut’ zu Tode zu machen, das man nie hat gesehen? Seh’ Sie, Massa Tom, das sein es! Aber dann …«

»Dann? wann dann?«

»Hem, Massa Tom, ich haben eine Gedank. Es tun nu mal nix helfen, wir können die arme Fremders nix zu Tode machen, was uns nie nix getan haben. Erst müssen wir uns in die Todmacherei üben, Massa Tom – jawoll, das müssen wir! jawoll, ich wissen, es gehen sonst nix. Wenn wir nu aber eine Beil nehm’ oder zwei, ich meinen bloß Sie, Massa Tom, un Jim un Huck, un husch husch über die Fluß, wann heut nacht die Mond nix mehr scheinen, un schlagen die kranke Leut’ tot da oben auf die Hügel un brennen ihre Haus nieder un …«

»O, ihr macht mir Kopfweh!« rief Tom, »Ich will mich auf gar keine Worte mehr mit Leuten wie du und Huck einlassen, die nie bei der Sache bleiben können und nicht mal’n Ding begreifen, das so gut und gesetzlich ist wie die schönste Theologie!«

Nun, das war aber nicht schön von Tom Sawyer! Jim meinte es doch nicht böse und ich auch nicht. Wir wußten vollkommen, daß er im Recht war und wir Unrecht hatten, und wir wollten ja bloß das ›Warum?‹ wissen und weiter nichts. Und wenn er’s nicht so auseinandersetzen konnte, daß wir’s verstanden, nun so lag das einzig und allein an unserer Unwissenheit; unwissend waren wir und ein bißchen gar zu schwer von Begriff auch, das leugne ich nicht. Aber, du lieber Gott, das ist doch kein Verbrechen!

Aber er wollte nun ’mal nichts mehr davon hören; sagte bloß, wenn wir die Sache richtig begriffen hätten, so hätte er ’n paar tausend Ritter aufgebracht und hätte sie von Kopf zu Fuß in Stahl gekleidet, und ich wäre Leutnant geworden und Jim sein Marketender. Und er selber hätte ’s Kommando übernommen und hätte die ganze Heidenwirtschaft ins Meer gefegt wie Fliegen und wäre als Sieger in einem Glorienschein wie Abendgold durch die Welt gegangen. Aber wir wüßten ja nicht mal so ’ne Gelegenheit zu benutzen, sagte er, und darum wollte er sie uns auch nicht wieder bieten. Und dabei blieb’s. Wenn er sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, dann war nichts zu machen.

Aber darum ließ ich mir keine grauen Haare wachsen. Ich bin von friedfertiger Anlage, und was soll ich mich mit Leuten ’rumschlagen, die mir nichts zuleide tun? Ich dachte bei mir: wenn die Heiden zufrieden sind, mir solls Recht sein, und dabei wollen wir’s belassen.

Diese ganze Geschichte hatte sich Tom aus dem Buch von Walter Scott, worin er immer las, in den Kopf gesetzt. Und es war ’ne wilde Sache, denn meiner Meinung nach hätte er die Ritter nicht zusammengebracht, und wenn schon, so hätte er höchst wahrscheinlich mit samt all seinem Kriegsvolk Klopfe gekriegt. Ich machte mich nachher auch über das Buch her und las es von A bis Z, und, soweit ich daraus klug werden konnte, hatten die meisten Leute, die ihre Bauernhäuser verließen und auf die Kreuzzüge gingen, nicht gerade ein sanftes Leben davon!