»Mit Siebenmeilenschritten ging’s nun am Fluß entlang; mir war dabei gar nicht schlecht zu Mut, ich marschierte ja auf Diamanten. Nach der ersten Viertelstunde hatte ich schon eine große Strecke zurückgelegt. Alle fünf Minuten dachte ich daran, wie Hal Clayton auf meine Rückkehr wartete und immer unruhiger wurde. ›Jetzt fängt er an zu fluchen,‹ sagte ich zu mir, ›und allmählich geht ihm ein Licht auf. Er bildet sich ein, ich hätte die Diamanten gefunden, als wir Bud durchsuchten, sie heimlich in die Tasche geschoben und mir nichts merken lassen. Natürlich wird er gleich meiner Spur folgen, aber ich habe doch wenigstens einen guten Vorsprung.‹

»Indem kam ein Mann auf einem Maultier dahergeritten, und ohne zu überlegen sprang ich ins nächste Gebüsch. Das war dumm! Eine Weile hielt der Mann still, um zu sehen, ob ich wieder herauskäme, dann ritt er weiter. Das konnte mir sehr zum Nachteil gereichen, wenn er etwa auf Hal Clayton stieß und der ihn ausfragte.

»Um drei Uhr morgens kam ich nach Alexandria und als ich den Raddampfer vor Anker liegen sah, war ich heilfroh und glaubte, jetzt sei ich gerettet. Es dämmerte bereits und ich ging an Bord, ließ mir die Kajüte hier geben, zog diese Kleider an und setzte mich neben das Ruderhaus, damit mir nichts entgehen könne. Ich wartete mit großer Ungeduld auf die Abfahrt des Bootes, aber es rührte sich nicht. Die Maschine wurde erst ausgebessert, doch davon hatte ich keine Ahnung.

»Es wurde Mittag bis wir absegelten und ich hatte mich längst in der Kajüte eingeschlossen. Schon vor dem Frühstück sah ich nämlich von fern einen Mann herankommen, dessen Gang mich an Hal Clayton erinnerte und mir wurde übel und weh. Wenn er mich hier auf dem Boot ausfindig machte, so saß ich wie eine Ratte in der Falle. Er brauchte nur zu warten bis ich ans Land ging und mir zu folgen. An einem abgelegenen Ort würde er mich zwingen die Diamanten herauszugeben und dann – ja dann war’s um mich geschehen. O, es ist gräßlich – entsetzlich! Und wenn ich mir nun vorstelle, daß der andere auch an Bord ist! Sagt selbst, Jungens, ist das nicht ein schreckliches Mißgeschick? – Aber, nicht wahr, ihr verlaßt mich nicht! Ihr helft einem armen Teufel durch, den man zu Tode hetzen will. Auf den Knieen will ich euch verehren, wenn ihr mir beisteht und mich rettet.«

Wir thaten was wir konnten, um ihn zu beruhigen: wir versprachen ihm unsere Hilfe, machten allerlei Pläne und redeten ihm seine übergroße Furcht aus. Da wurde er bald wieder zuversichtlicher und zuletzt schraubte er gar die Plättchen von seinen Absätzen und hielt die Diamanten bald so bald so gegen das Licht. Nein, wie sie funkelten und glitzerten und ihr Feuer nach allen Seiten ausstrahlten! Es war schön, das muß ich sagen. Aber er kam mir doch vor wie ein rechter Narr. Ich an seiner Stelle hätte den beiden Spießgesellen die Diamanten ausgeliefert und ihnen gesagt, nun sollten sie ans Land gehen und mich in Ruhe lassen. Doch das fiel ihm gar nicht ein. Er meinte, es wäre ein ganzes Vermögen; der Gedanke es zu verlieren schien ihm unerträglich.

Zweimal mußten wir anlegen, um die Maschine in Ordnung zu bringen, was eine ganze Weile dauerte. Die Nacht war aber nicht dunkel genug; er hätte sich schwerlich unbemerkt aus dem Staube machen können. Gegen ein Uhr nachts kamen schwarze Wolken am Himmel herauf, ein Gewitter war im Anzug. Wir hatten an einem Holzhof angelegt, noch etwa vierzig Meilen von Onkel Silas’ Farm, und Jack hielt die Gelegenheit für günstig. Es regnete stark, der Sturm brach los, und die Leute, die das Holz einluden, zogen sich zum Schutz grobe Säcke über den Kopf. Auch Jack verschafften wir einen. Er nahm seine Reisetasche, lief aufs Hinterdeck, kam dann wie die andern Matrosen nach vorn marschiert und ging mit ihnen ans Land. Als er aus dem Bereich der Fackeln war und in der Finsternis verschwand, holten wir tief Atem und waren voller Dank und Freude. Allein das Vergnügen dauerte nicht lange. Kaum zehn Minuten vergingen, da stürmten die beiden schlimmen Gesellen auf Deck; sie sprangen ans Ufer und wir sahen sie nicht wieder. Bis zum Morgengrauen warteten wir und hofften sie würden zurückkommen, allein vergebens. Vielleicht hatten sie aber doch Jack nicht mehr einholen können und seine Spur verloren; darauf setzten wir unser ganzes Vertrauen.

Er wollte am Fluß entlang gehen und sich in dem Ahornwäldchen hinter Onkel Silas’ Tabakfeld verbergen. Dort hatten wir versprochen ihn zu treffen, sobald es dämmerig würde und ihm Nachricht zu bringen, ob seine Brüder Brace und Jupiter zu Hause wären und keinen fremden Besuch hätten.

Tom und ich sprachen lange darüber, wie es ihm wohl ergehen würde. Rannten seine Verfolger flußaufwärts statt abwärts, dann war er gerettet. Aber das ließ sich kaum erwarten. Wahrscheinlich, meinte Tom, würden sie ihm tagsüber auf den Fersen bleiben, ohne daß er Argwohn schöpfte, und sobald es dunkelte ihn umbringen und ihm die Stiefel fortnehmen. – Das betrübte uns sehr.


Fünftes Kapitel.