Der Sommer war gekommen und die Starken gingen gebeugt unter der Last der furchtbaren Hitze und viele von den Schwachen waren zusammengebrochen und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie, die Geißel des Krieges, und Hilfe war keine zu erwarten. Die Aerzte waren in Verzweiflung; der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien – und er war immer ein recht zweifelhafter gewesen – war ein Ding der Vergangenheit und zwar für immer, wie es schien.
Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten, zu einer Beratung vor ihm zu erscheinen, denn er befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich, daß sie seine Soldaten sterben ließen und fragte sie, ob sie ihr Geschäft verstünden oder nicht, und ob sie wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder. Der Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im Reich war und von äußerst ehrwürdiger Erscheinung, antwortete darauf und sagte:
»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was wir konnten, und deshalb ist es nur wenig. Keine Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen; nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen das. Ich bin alt und ich weiß es. Kein Arzt und keine Arzenei können sie heilen – ich wiederhole es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie der Natur ein wenig helfen würden – ein ganz klein wenig – aber in der Regel schaden sie bloß.«
Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher Mensch und überschüttete die Aerzte mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie von seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst von der grausamen Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht flog von Mund zu Mund und brachte Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde von nichts anderem gesprochen, als von dem betrübenden Unglück, und alle Gemüter waren niedergedrückt, denn nur wenige hatten Hoffnung. Der Sultan selbst war sehr melancholisch und sagte:
»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die Massenmörder wieder; ich will mich drein fügen.«
Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen seine Zunge und holten ihren Arzeneivorrat, den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie sich geduldig nieder und warteten – denn sie wurden nicht pro Fall bezahlt, sondern erhielten ein jährliches Gehalt.
II.
Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, aber er gehörte nicht zur Gesellschaft; dazu war sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung zu gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller Beschäftigungen, denn er war bloß der Gehilfe seines Vaters, welcher Kotgruben leerte und nachts in einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein schmächtiger kleiner Kerl von vierzehn Jahren, ehrbar, fleißig und von gutem Herzen, denn er unterstützte seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände Arbeit.
Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan erkrankt war, begegneten sich diese zwei Burschen eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war auf dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht in seinen Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen Arbeitsanzug, und roch nicht eben nach Rosenwasser. Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter, mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen Lötofen bei sich und seinen Lötkolben nebst Hammer und Blechschere.
Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen natürlich über das Unglück des Reiches und die Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja von etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen Plan und brannte darauf, ihn seinem Freund mitzuteilen. Er sprach: