»Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung zu machen, obgleich ich Ihnen ganz fremd bin. Nach meiner soeben erfolgten Rückkunft aus Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die Aeußerung gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der Ihnen sagen kann, daß es Goodson gewesen ist. Wir kannten uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis zur Abfahrt des Mitternachtzuges. Ich stand dabei, als er im Dunkeln in der Hale-Allee jene Aeußerung dem Fremden gegenüber that; auch unterhielten wir uns noch auf dem Heimweg darüber, und bei der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe des Gesprächs kam die Rede noch auf viele Ihrer Mitbürger, über die er sich jedoch keineswegs schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie gehörten, soviel ich weiß. Irgend welche Zuneigung sprach er zwar für keinen einzigen aus, doch erinnere ich mich, daß er sagte, ein Hadleyburger – ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin ich meiner Sache nicht ganz gewiß – hätte ihm einmal einen großen Dienst erwiesen, vermutlich ohne dessen Tragweite selbst zu kennen. Wenn er ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger seinen Fluch hinterlassen. Waren Sie also derjenige, welcher ihm den Dienst geleistet hat, so sind Sie sein rechtmäßiger Erbe und können den Goldsack als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß, daß ich mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen kann, denn diese Tugenden erbt ja jeder Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen Vätern. So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen, da ich überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht selbst der rechte Mann sind, nach demselben suchen, bis Sie ihn gefunden haben, und Sorge tragen, daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten Dienst wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es sich handelt, lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. Geht hin und bessert Euch.‹
Howard L. Stephenson.«
»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh und dankbar bin ich. Gieb mir einen Kuß, das hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan – mein Verlangen war gar zu groß – nach dem Gelde – nun kannst du dich von Pinkerton und seiner Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so leicht wird mir ums Herz vor lauter Freude.«
Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen auf dem Sofa zubrachte, gehörte zu den glücklichsten in ihrem Leben. Es war, als sollte die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die mit dem Brautstand begonnen und keine Unterbrechung erlitten hatte, bis der Fremde das unheilvolle Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile sagte die Frau:
»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes Glück, daß du dem braven Goodson solchen großen Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn nicht leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du hast nie damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht – das war ein schöner und edler Zug von dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen sollen; mir scheint, das warst du mir schuldig.«
»Ja, siehst du, Mary – das ging doch nicht an –«
»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern sage es mir. Ich habe dich immer lieb gehabt, aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute glaubten, es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen in der Stadt, und nun stellt sich heraus, daß du – so sprich doch, Eduard.«
»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.«
»Du kannst nicht? Aber weshalb?«
»Siehst du – nun ja – ich habe es ihm versprechen müssen.«