Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons Seele hatte er nicht gerettet, das stand fest. Vielleicht aber sein Haus und Gut. Nein, damit war’s auch nichts – er besaß keines. Sein Leben? Natürlich – auf jeden Fall. Daran hätte er doch gleich denken sollen. Nun war er endlich auf der rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien Spielraum.
Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig damit, Goodson auf jede erdenkliche und meist sehr gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer gelang ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen Punkt, aber gerade wenn er auf dem besten Wege war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen, der dies zur Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken zum Beispiel: Reichard war weit hinaus geschwommen und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand glücklich ans Land gebracht, während die Menge am Ufer stand und ihm zujauchzte. Er hatte es alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung daran wurde immer lebhafter, aber da kam der Rückschlag: Unmöglich – die ganze Stadt hätte es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben, und in seinem eigenen Gedächtnis wäre die That unauslöschlich verzeichnet gewesen; so etwas vergißt man nicht wieder, es ist auch kein Dienst, dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel ihm zuguterletzt noch ein, daß er ja gar nicht schwimmen könne.
Halt – diesen Punkt hatte er von vornherein übersehen: Es mußte ein Dienst sein, den er möglicherweise geleistet haben konnte, ›ohne dessen ganze Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache wesentlich. Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen kam er denn auch wirklich zu einem befriedigenden Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson einmal nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches Mädchen Namens Nancy Hewitt zu heiraten; er hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen, und Goodson wurde mit der Zeit ein verbitterter Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz offen zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, daß das Mädchen nicht ausschließlich von Weißen abstamme, sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern gehabt habe. Reichard wälzte diesen Umstand so lange in seinem Haupte, bis ihm war, als tauchten aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten auf, an die er lange nicht mehr gedacht haben mochte. War er es denn nicht gewesen, der den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt und die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich erfuhr Goodson, von wem die Nachricht ausgegangen war und wer ihn davor bewahrt hatte, die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen Dienst hatte er ihm geleistet, ohne es selbst zu ahnen, also auch, ohne dessen Tragweite zu kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie genauer Not er der Gefahr entronnen war, blieb seinem Wohlthäter dankbar bis ans Grab und wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen. Das war alles klar und einfach, je mehr Reichard darüber nachdachte, um so einleuchtender ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm das Ganze so deutlich vor der Seele, als hätte er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich unterdessen für sechstausend Dollars ein Haus gekauft und ein Paar Pantoffeln zum Geschenk für ihren Pastor; dann war sie friedlich eingeschlummert. –
An ebendemselben Samstag Abend hatte der Postbote auch jedem der andern angesehenen Hadleyburger einen Brief gebracht – neunzehn Briefe alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden und nicht zwei Adressen von der nämlichen Hand, aber die Briefe selbst glichen einander völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen, welchen Reichard erhalten hatte, auch alle von Stephenson selbst geschrieben, nur mit dem einzigen Unterschied, daß darin der Name des jedesmaligen Adressaten an Stelle von Reichards Namen stand.
Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn angesehenen Männer, was ihr Mitbürger Reichard um dieselbe Zeit gethan hatte – sie waren aus Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst zu besinnen, den sie – ohne es zu wissen – Barclay Goodson geleistet hatten. Die Arbeit kostete ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie wurden doch damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich siebentausend Dollars von den vierzigtausend aus, die der Sack enthielt – einhundertdreiunddreißigtausend Dollars im ganzen, wenn man die Summen zusammenzählt.
Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht, zu sehen, daß die Gesichter der neunzehn angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder den früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien ihm unfaßlich und ihm fiel auch nicht die kleinste witzige Bemerkung ein, um diese himmlische Ruhe zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig und ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte, dem Rätsel auf den Grund zu kommen, es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox begegnete und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte er bei sich: »Ihre Katze hat Junge gekriegt,« aber das war nicht der Fall, wie er auf seine Erkundigung von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar vielleicht das Bein gebrochen? War Gregor Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte Pinkerton ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für verloren gehalten? – Dies und noch vieles andere riet Jack Halliday, als er die seelenvergnügten Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er, daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen Fällen blieb die Sache zweifelhaft. Nur eins stand fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger Familien sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit dieser Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste beruhigen.
Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte sich vor kurzem am Ort niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing sein Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen. Das entmutigte ihn sehr und er fing bereits an, sein Unternehmen zu bereuen, als der Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten Bürger der Stadt fanden sich eine nach der andern bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden Sie einstweilen noch nicht davon,« hieß es; »wir haben den Plan, uns ein Haus zu bauen, möchten aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.«
Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage und schrieb noch denselben Abend an seine Tochter, sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten auflösen, da sie jetzt eine weit bessere Partie machen könne.
Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere wohlhabende Herren gedachten sich Landhäuser zu kaufen – doch warteten sie die Sache erst ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung nie ohne den Wirt.
Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt, ein Kostümfest zu geben. Man äußerte zwar noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen Andeutungen. »Wir haben es uns vorgenommen,« hieß es, »und wenn es dazu kommt, werden Sie natürlich auch eingeladen.« Alles war erstaunt darüber. »Wie können die armen Wilsons nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern; »ihre Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige Damen aus der Zahl der neunzehn meinten aber, der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen zu warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei, und dann einen Ball zu geben, der jenen ganz in den Schatten stellen sollte.