Die ganze Sache beruht auf Erfindung – kein Mensch hat jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche Aufregung.] Sowohl der fremde Bettler als die geschenkten zwanzig Dollars samt dem guten Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der Luft gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und belustigter Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit wenigen Worten meine Geschichte erzähle: Als ich eines Tages durch Hadleyburg reiste, that man mir eine schwere, unverdiente Beleidigung an. Jeder andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde mich eine so geringfügige Rache kaum entschädigt haben. Konnte ich euch auch nicht allen das Leben nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen der Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, wenn auch nicht an Leib und Gut, so doch an ihrer Eitelkeit – der Stelle, wo schwache und thörichte Menschen am verwundbarsten sind. Verkleidet kam ich zurück und lernte euch näher kennen. Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet einen Schatz, den ihr wie euern Augapfel hütetet, den altbewährten, hohen Ruhm unantastbarer Redlichkeit, der euern ganzen Stolz ausmachte. Sobald ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt und Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern Kindern fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr einfältigen Menschen! Es giebt ja nichts Schwächeres auf Erden, als eine Tugend, die nicht im Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht war, dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm zu nehmen und fast ein halbes Hundert bisher untadeliger Männer und Frauen, die in ihrem ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und keinen Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und Lügnern zu machen. Eine Liste von Namen hatte ich bald entworfen; nur Goodson, der kein eingeborener Hadleyburger war, stand meinem Plan im Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief vorlegen lassen, so würdet ihr ohne Zweifel gesagt haben: ›Goodson ist der einzige Bürger unserer Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars schenken könnte‹ – und ich fürchte, ihr wäret nicht in meine Falle gegangen. Sobald aber der Himmel Goodson von dieser Welt abgerufen hatte, warf ich den Köder mit vollster Zuversicht aus – ich wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete Aeußerung mit der Post geschickt habe, die meisten jedoch sicherlich, wie ich den Charakter der Hadleyburger kenne. Bei ihrer verkehrten Erziehung und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand, daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie nicht hindern, es fälschlich an sich zu bringen. So hoffe ich denn, euern Stolz auf ewige Zeiten zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich allenthalben verbreiten wird und den es nie wieder loswerden soll. Wenn mein Zweck erreicht ist, so öffne man den Sack und ernenne einen Ausschuß zur Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger Ruhmes.‹«

Viele Stimmen: »Der Ausschuß ist bereits erwählt. Die achtzehn Tugendhelden sollen vortreten!«

Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm eine Handvoll großer gelber Münzen heraus, die er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.

»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben aus vergoldetem Blech.«

Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens rief man nach den Mitgliedern des Ausschusses, um ihnen das Gold einzuhändigen, keiner rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler das Wort:

»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich nur einer als redlich bewährt. Der Mann braucht Geld und verdient eine Unterstützung. Ich schlage daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, den Sack voll vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier öffentlich zu versteigern und den Ertrag Herrn Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein Mann von echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg mit Freuden alle Ehre erweist.«

Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte und die Versteigerung begann. Zuerst bot der Sattler einen Dollar; mehrere Bewohner von Brixton und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig in die Höhe. Bei jedem neuen Angebot jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die Bietenden wurden hartnäckiger und kühner. Von einem Dollar stieg der Preis auf fünf, auf zehn, auf zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und immer höher.

Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard seiner Frau in kläglichem Ton zugeflüstert: »O Mary, das dürfen wir nicht gestatten; es ist ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters, ein Ehrengeschenk, und – und – wir können es doch nicht dulden! Sollen wir nicht lieber aufstehen und – Mary, was fangen wir nur an – was meinst du, daß wir –«

(Hallidays Stimme: »Fünfzehn für den Sack! Fünfzehn zum ersten – zwanzig – danke bestens – dreißig – dreißig zum – höre ich recht? – Vierzig – bieten Sie weiter, meine Herren – fünfzig zum ersten, zum zweiten, zum – siebzig – neunzig – bravo! immer höher! – hundert – hundertzwanzig – vierzig – noch ist es Zeit! – hundertfünfzig – zweihundert – zweihundertfünfzig – keiner mehr? –«)

»Es ist eine neue Versuchung, Eduard – ich zittere an allen Gliedern. Aus der ersten sind wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur Warnung dienen –« [»Habe ich recht gehört? Sechs – meinen Dank – sechshundertfünfzig – siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht bedenkt, – kein Mensch argwöhnt –« [»Achthundert Dollars! Hurra! Neunhundert wäre noch besser! – Haben Sie neunhundert gesagt, Herr Parsons? – Ganz recht – also dieser schöne Sack, mit echtem Blech gefüllt, soll samt der Vergoldung für nur neunhundert Dollars – tausend – sehr verbunden! Will niemand elfhundert bieten für den Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten in den Vereinigten Staaten –«] »O Eduard,« schluchzte Mary, »wir sind so arm – aber – thu’ was dir am besten dünkt – ich hindere dich nicht.«