Ist das grotesk?
Wie lange wird es wohl dauern, bis die von der Christlichen Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend knieen werden? Wie lange wird es wohl dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein Heiland wie Christus und Christi Gleichen sei? Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger ehrfurchtsvoll von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s dauern bis sie sie auf die Stufen des Thrones stellen – neben die Jungfrau, und bald eine Stufe höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und die Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt gewechselt und es heißt: die Mutter Maria und die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy wird Maria – was kann es einfacheres geben?
Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel bereit halten: die neue Renaissance ist im Anzug, und mit Altarbildern wird viel Geld zu verdienen sein – tausendmal so viel als die Päpste und ihre Kirche je den klassischen Meistern zufließen ließen –, denn deren Reichtümer waren armselig im Vergleich mit den Schätzen, die so ganz allmählich in die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. Darüber wollen wir uns keinen Täuschungen hingeben.
Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist noch keine fünf Jahre alt; und doch hat sie in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million Mitglieder …
Nun, das ist ein Anfang – und zwar ein phänomenaler! Dabei schwillt in der letzten Zeit die Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch auf Dauer, als irgend ein anderer ›Ismus‹ – denn sie hat ›mehr zu bieten‹. Die Geschichte lehrt uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg haben soll, keine bloße philosophische, sondern daß sie eine religiöse sein muß; daß sie ferner keinen Anspruch auf vollkommene Originalität machen, sondern sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung einer bereits vorhandenen Religion gelten zu wollen; nachher, wenn sie stark und blühend ist, kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der Mohammedanismus.
Ferner muß Geld da sein – und zwar viel Geld.
Ferner muß Macht und Autorität und Kapital ausschließlich in den Händen einer kleinen und unverantwortlichen Klique vereinigt sein, und kein Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln oder unbequeme Fragen stellen.
Endlich muß die Angel – wie bereits vorher erwähnt – mit einem neuen und leckeren Köder versehen sein, wie ihn andere Religionen nicht bieten können.
Verfügt eine neue Bewegung über eins oder mehrere von diesen Erfordernissen – wie zum Beispiel der Spiritismus – so kann sie auf einen bedeutenden Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen Vorbedingungen – wie zum Beispiel der Mohammedanismus – so ist sie sicher, ihren Eroberungszug über weite Länder ausdehnen zu können. Der Mormonismus verfügte über alle Erfordernisse außer einem: sein Köder bot nichts Neues und nichts Wertvolles; außerdem wandte er sich nur an die Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte die sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität in den Händen einer unverantwortlichen Klique.
Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse ist etwas Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, Gewaltiges; aber es ist noch nicht die Vollkommenheit. Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr wert ist als andere zusammengenommen: eine neue Persönlichkeit zum Anbeten. Das Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und noch auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und konzentrierte Macht. In Frau Eddy besitzt die Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit zum Anbeten; außerdem aber hat sie – schon jetzt in den ersten Anfängen – einen tadellos wirkenden Apparat zur Ausbreitung ihrer Lehre. Die mohammedanische Religion hatte anfangs kein Geld; und sie hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten gehabt als den Himmel – hienieden gewährt sie nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft verheißt ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem aber bietet sie – gegen Barzahlung – hier auf Erden Gesundheit und fröhliches Gemüt, und im Vergleich mit diesem Köder sind alle anderen Köder unserer Erdenwelt armselig und jämmerlich.