Ermuntert meinen geist, das er sich höher schwingt
Als wo der pöfel kreucht, vnd durch die wolcken dringt,
Geflügelt mitt vernunfft, vnd mutigen gedancken,
Drumm geh' es wie es wil, vnd muß ich schon darvon,
So vberschreit ich doch des lebens enge schrancken:
Der name der mir folgt ist meiner sorgen lohn.
[C 2a] Welchen namen wenn die Poeten nicht zue gewarten hetten, würden viel derselben durch die boßheit der Leute, die sie mehr auß neide alß billicher vrsache verfolgen, von jhrem löblichen vorsatze zuerücke gehalten vnd abgeschreckt werden. Es wird aber bey jhnen nicht stehen, vnd ich bin der tröstlichen hoffnung, es werde nicht alleine die Lateinische Poesie, welcher seit der vertriebenen langwierigen barbarey viel große männer auff geholffen, vngeacht dieser trübseligen zeiten und höchster verachtung gelehrter Leute, bey jhrem werth erhalten werden; sondern auch die Deutsche, zue welcher ich nach meinem armen vermögen allbereit die fahne auffgesteckt, von stattlichen gemütern allso außgevbet werden, das vnser Vaterland Franckreich vnd Italien wenig wird bevor dörffen geben.
[Das IIII. Capitel.]
Von der Deutschen Poeterey.
VOn dieser Deutschen Poeterey nun zue reden, sollen wir nicht vermeinen, das vnser Land vnter so einer rawen vnd vngeschlachten Lufft liege, das es nicht eben dergleichen zue der Poesie tüchtige ingenia könne tragen, als jergendt ein anderer ort vnter der Sonnen. Wein vnnd früchte pfleget man zue Loben von dem orte da sie herkommen sein; nicht die gemüter der menschen. Der weise Anacharsis ist in den Scitischen wüsten gebohren worden. Die Vornemsten Griechen sind in Egypten, Indien vnd Franckreich gereiset, die weißheit zue erlernen. Vnd, vber diß das wir so viel Vorneme Poeten, so heutiges tages bey vns erzogen worden, vnter augen können stellen, erwehnet Tacitus von den Deutschen in dem buche das er von jhnen geschrieben, das ob wol weder Mann noch Weib vnter jhnen zue seiner zeit den freyen künsten ob zue liegen pflegeten, faßeten sie doch alles was sie im [C 2b] gedächtniß behalten wolten in gewisse reimen vnd getichte. Wie er denn in einem andern orte saget, das sie viel von des Arminius seinen thaten zue singen pflegeten. Welches sie vieleichte den Frantzosen nachgethan haben, bey denen, wie Strabo im fünfften buche anzeiget, Dreyerley Leute waren, die man in sonderlichen ehren hielt: Bardi, Vates vnnd Druiden. Die Barden sungen Lobgetichte vnnd waren Poeten; Die Vates opfferten vnd betrachteten die Natur aller dinge; Die Druiden pflegten vber die Natürliche Wissenschafft auch von gueten sitten zue vnterrichten. Welches auch Marcellinus im fünfften buche bekrefftiget: Die Barden, saget er, haben berümbter männer ritterliche thaten mit heroischen Versen beschrieben, vnd mit süßen melodien zue der leyer gesungen, Vnd Lucanus im ersten buche des bürgerlichen Krieges:
Vos quoque qui fortes animas belloque peremptas