Wiewol wir deutschen, wegen der menge der einsylbigen wörter die wir haben, es zuezeiten kaum vermeiden können.
Hergegen sollen die verß, sonderlich die Masculini (wie wir sie im folgenden Capitel nennen werden) sich nicht mit viel sylbigen wörtern enden.
Ich wil euch williglich mit vnterthänigkeit.
Zue dienste sein, Hertzlieb, bey der gelegenheit.
Dann die verß gar zue grob vnd harte dadurch gemacht werden.
Das ansehen vnd die dignitet der Poetischen rede anlangt, bestehet dieselbe in den tropis vnnd schematibus, wenn wir nemblich ein wort von seiner eigentlichen bedeutung auff eine andere ziehen. Dieser figuren abtheilung, eigenschafft vnd zuegehör allhier zue beschreiben, achte ich darumb vnvonnöthen, weil wir im deutschen hiervon mehr nicht als was die Lateiner zue mercken haben, vnd also genungsamen vnterricht hiervon neben den exempeln aus Scaligers vnnd anderer gelehrten leute büchern nemen können. Dessen wil ich nur erinnern, das für allen dingen nötig sey, höchste möglichkeit zue versuchen, wie man die epitheta; an denen bißher bey vns grosser mangel ge-[E 4a]wesen, sonderlich von den Griechen vnd Lateinischen abstehlen, vnd vns zue nutze machen möge: Dann sie den Poetischen sachen einen solchen glantz geben, das Stesichorus für den anmutigsten Poeten ist gehalten worden, weil er desselbigen zum füglichsten sich gebraucht hat.
Sie mussen aber so gemacht werden, das sie entweder die dinge von denen wir reden von andern vnterscheiden; als da der Poet spricht: nigra hirundo, die schwartze Schwalbe, oder sie vermehren als: frigida bello Dextera, eine handt die im kriege nicht viel außrichtet.
Sie mussen auch warhafftig sein, vnd etwas nicht anders beschreiben als es ist. Zum exempel: florida Hybla; weil viel Blumen darauff wachsen sollen: Parnassia laurus, æstuosa Calabria, vnd dergleichen. Strabo rhümet den Homerus, das er die eigenschafft eines, etwedern dinges sehr genaw in acht genommen, vnd jhm vnfehlber sein gehöriges epitheton allzeit gegeben habe. Die Poeten, denen mehr freyheit als den Oratoren eingeräumet ist, können auch wol den schnee weiß, vnnd den wein feuchte nennen: wie Aristoteles im dritten buche der Rhetoric, vnnd Quintilianus im sechsten Capitel des achten buches saget. Wiewol Virgilius nicht ohne vrsache setzet:
cæduntque securibus humida vina;
Denn in dem er spricht, das man in den Mitternächtischen Ländern den gefrorenen Wein, der doch von natur sonst naß ist, mit äxten zuehawen muß, macht er das man desto mehr der vngewöhnlichen kälte nachdenckt.