Es ist eine wohlbekannte physiologische Tatsache, daß eine große Anzahl von Frauen in den mittleren Jahren wahnsinnig werden, bei denen das nicht geschehen wäre, wenn sie die gewöhn­lichen Pflichten, Freuden und Beschäftigungen der Ehe gehabt hätten, wenn ihre Weibnatur nicht durch ein unnatür­liches Cölibat ausgehungert worden wäre. Ich kann hier nicht darauf eingehen, aber ich empfehle es der Aufmerksamkeit meiner nachdenk­licheren Leser und jener, die sich mit der Verbesserung der sozialen Mißstände in unserem ruhmreichen, zivilisierten zwanzigsten Jahrhundert beschäftigen.

Am schlimmsten von allen ist die Lage der Frauen, die sich nicht bloß nach der Ehe und einem lieben Mann sehnen, sondern vielmehr nach der Mutter­schaft, jener bittersüßen Krone des Geschlechts, welche die im Cölibat lebenden Priester unaufhörlich als das höchste Gut und die erste Pflicht der Frauen preisen, von welcher aber tausende von Frauen in diesem Lande ausgeschlossen sind. Es muß gewiß keine Bitterkeit so quälend sein als die Bitterkeit der Frauen, die sich nach der Mutter­schaft sehnen, in deren Ohr die Lebenskraft unaufhörlich rauscht und in deren Herz die erträumten Kinder sich regen und unaufhörlich rufen: „Schenke uns Leben, Schenke uns Leben!“ ein Ruf, der Jahr um Jahr quälender wird, da jedes Jahr die göttliche Möglichkeit unerfüllt bleibt.

Ich denke oft daran, wie alles zusammenwirkt, eine edle heißblütige, mütterlich veranlagte Frau zu quälen, deren Natur so darben muß. Sie muß natürlich jede derartige Regung unterdrücken, den Kopf hoch tragen und mit Lächeln die überlegenen Mienen der Mädchen erdulden, die viel jünger sind als sie und zufällig den goldenen Zauberring tragen, der im Leben der Frau alles ändert; sie muß gewöhnlich behaupten, daß sie nicht heiraten will und nie wollte und es hätte können, wenn sie gewollt hätte; sie muß über diese Zeilen lachen, wenn sie sie zufällig lesen sollte und die Verfasserin eine krankhafte Idiotin nennen — kurz und gut, sie muß eine Rolle spielen einer Welt gegenüber, die es äußerst humorvoll findet, daß eine Frau um das Geburtsrecht ihres Geschlechts betrogen wird. Jede Zeitung und jedes Buch, das sie heutzutage zur Hand nimmt, enthält irgend etwas zur Verherr­lichung des Weibtums und der Mutter­schaft. Die Musik, die Bilder, die Novellen, die Theaterstücke — alles spricht ihr von dem befriedigten und siegreichen Geschlechts­trieb und nichts von dem ausgehungerten und unterdrückten. Dasselbe Prinzip ist überall in der Natur, der Himmel, die Blumen, der See, die grünen Bäume, das Prasseln des Sommerregens, alles Schöne, alle Töne in der Natur sind von derselben Bedeutung für sie und enthalten denselben scharfen Stachel, dieselbe drückende Last; wenn sie zur Krankhaftigkeit neigt, dann reißt jedes Kindergesicht, das sie auf der Straße sieht, die Wunde in ihrem Herzen auf. Das Geplapper eines jeden süßen Kindchens ist eine Qual für sie. „Mir nicht, mir nicht“, muß der ewige Kehrreim in ihrem Gemüt sein. Ihre Arme sind leer, ihr Herz ist kalt, sie gehört zu dem großen traurigen Heer der Unbegehrten.

Wundert man sich da noch, daß die Irrenhäuser voll lediger Frauen sind?

Notiz. Eine gescheite und entzückende Freundin von mir, eine alte Jungfer aus eigener Wahl, macht Einwendungen gegen meine Ansicht über den ledigen Stand. Es würde mich sehr betrüben, wenn irgendwelche meiner Worte anderen Frauen Kummer verursachen sollten. Ich sagte schon früher, daß einige der besten Frauen ledig sind, was für jemanden, der an die Ehe so glaubt wie ich, traurig ist. Zwei der gütigsten und edelsten Frauen, die ich kenne, sind unverheiratet. Die eine von ihnen scheint absolut ohne irgend einen Gedanken an sich zu leben, hat ihr ganzes Leben tüchtig für andere gearbeitet, ihre geistigen und körper­lichen Kräfte bis zur äußersten Grenze und die Schätze ihres edlen Herzens freigebig und grenzenlos hergegeben. Ich bitte meine Leser, zu beachten, daß ich einen Unterschied zwischen jenen ledigen Frauen zu machen trachte, die nicht heiraten wollen und jenen, die es wollen, zwischen den reichen Mädchen, die über alle Annehmlich­keiten des Lebens verfügen können, und den armen, die in die Tretmühle harter unaufhör­licher und unangemessener Arbeit eingespannt sind. Einen noch größeren Unterschied wünsche ich zu machen zwischen den gelassenen und zufriedenen Frauen, die sich den Verhältnissen anpassen und ein ruhiges glückliches Schicksal in irgendeiner Lebenslage finden — und den weniger ausgeg­lichenen, leiden­schaft­lichen Naturen mit tieferem Begehren und zwingendem Liebesbedürfnis. Dieses unterdrückte, verdrängte und niedergekämpfte Liebesbedürfnis erweckt mein tiefes Mitleid, von dem meine Freundin behauptet, daß es verschwendet und nicht am Platze ist. Darüber müssen meine Leser urteilen.


[ Zweiter Teil]

Warum Ehen mißglücken

„Denn die Ehe ist darin dem Leben gleich, daß sie ein Schlachtfeld und kein Rosenlager ist.“ R. L. Stevenson.

„Die Ehe ist für mich Abtrünnigkeit, Entweihung des Heiligtums meiner Seele, Vergewaltigung meiner Männlichkeit, Veräußerung meines Erstgeburts­rechtes, schändliche Übergabe, schmachvolle Kapitulation, Annahme der Niederlage.“