Ein Doktor, der sich für das Studium der sozialen Fragen sehr interessierte, zeigte mir eine interessante Statistik über diesen Gegenstand. Von 76 aufs Geratewohl aus der Liste seiner Bekannten herausgegriffenen Männern waren 14 kinderlos und mit Ausnahme von zweien waren alle viel glücklicher als die meisten Männer und gaben ihren Frauen keine Ursache zur Eifersucht. Dieser hohe Prozentsatz von glücklichen, wenn auch kinderlosen Ehen ist seltsam, und ich kann ihn mir nicht erklären. Die übrigen 62 hatten alle Familie. Fünf liebten ihre Frauen sehr, jedoch nicht treu, zwei lebten nebenbei mit anderen Frauen, drei andere waren unglücklich verheiratet und stritten fortwährend und erbittert, über zwei weitere war mein Freund im Zweifel, ein anderer mochte seine Frau nicht, war jedoch zu beschäftigt, um sich nach anderen Frauen umzusehen, die übrigen 49 waren verhältnismäßig glücklich und treu: „die meisten von ihnen entgehen irgendeiner stärkeren Versuchung durch ein arbeitsreiches und regelmäßiges Leben“, fügte der Doktor hinzu, „und jene, die besonders empfänglich für das schönere Geschlecht und seine Reize sind, haben schon genug Liebeleien hinter sich, um noch welche außerhalb des Heims zu verlangen.“ Ich vermute, daß diese letztere Ursache bei einer großen Anzahl sogenannter „Mustergatten“ zutrifft.
Diese Liste kann jedoch kaum als erschöpfend betrachtet werden, da sie nur zwei Schauspieler, drei Soldaten, einen Seemann und keinen Börsenmenschen enthielt, vier Klassen, in denen die unbeständigen Ehegatten besonders zahlreich sind. Die Lebensbedingungen eines Schauspielers veranlassen ihn offenkundig zur Untreue; die ungesunde Erregung und die abwechselnde Niedergeschlagenheit im Leben eines Börsenmenschen dürften dieselbe Wirkung haben; Angehörige des Militärs werden im allgemeinen für weniger treu gehalten als andere Ehemänner, aber wenn die Geschäfts- und Gewerbsleute dieselbe leichte Gelegenheit und Versuchung hätten und einem ähnlichen Ausmaß von Muße und Perioden langer Trennung von ihren Frauen ausgesetzt wären, dann würden sie sich als ebenso untreu erweisen, wie man es von den Vaterlandsverteidigern annimmt. Die Liste meines Freundes enthält auch kein Mitglied „der Lebewelt“, einer Klasse, in der man tatsächlich, den Worten des Pater Vaughan zufolge, keine treuen Ehemänner findet.
Wenn es die kleinen Dinge sind, die das eheliche Glück zerstören, so sind es die großen, die Mann und Frau trennen, und von diesen ist die Untreue die häufigste Ursache. Man kann sie geradezu „den wunden Punkt der Ehe“ nennen. Nach meinem persönlichen Dafürhalten gibt es nur drei Fehler, um derentwillen eine Frau ihren Mann verlassen sollte: gewalttätige Trunksucht, zeitweiser oder ständiger Verkehr mit Angehörigen des Haushaltes, und die Einführung einer Geliebten unter das Dach der Frau. Wo Kinder sind, sind sogar diese Gründe nicht genügend, wenn die Frau die Kinder nicht mitnehmen kann. Für das letztgenannte Vergehen allein konnte die Frau nach Justinianischem Gesetz die Scheidung erlangen.
Kleine Übertretungen der ehelichen Treue von seiten eines Gatten sollte man am besten, wie alle anderen Trübungen, philosophisch aufnehmen. Das ist freilich leicht gesagt — man hört oft, daß die geschlechtliche Eifersucht die ärgste der seelischen Qualen ist. Die Männer werden stärker von ihr befallen als die Frauen, und der Mann, dessen Frau untreu ist, scheint ärger zu leiden, selbst wenn er sie nicht gern hat, als die Frau im umgekehrten Fall. Der Mann wird einem sagen, daß das daher kommt, weil seine Leidenschaften stärker sind, oder weil er die Mutter seiner Kinder als ein Wesen betrachtet, das über der Sünde des Fleisches steht. Wahrscheinlich ist die wirkliche Ursache die, daß der Mann seit der „Ehe“ im Garten Eden seine eigenen Wege gegangen ist, und es übel aufnimmt, wenn er in seinen Gewohnheiten verkürzt wird. Die Frauen können jedoch diesen Verlust leichter ertragen, da sie ja daran gewöhnt sind, ihren Herrn mit anderen zu teilen, seit ihr Geschlecht im Gegensatz zu dem seinen so zugenommen hat. Oder haben die Frauen keinen angeborenen Widerstand gegen die Polygamie?
Die Welt hat sich schon an die polygamischen Triebe des Mannes gewöhnt und sogar ihre Gesetze sind danach abgefaßt. In den Romanen verursacht die Entdeckung der Untreue eines Ehegatten immer einen vollständigen Umsturz. Dem Leser werden seitenlang wahnsinnige Szenen aufgetischt; die Frau verliert beinahe den Verstand; ihre Freunde und Verwandten sitzen in düsterem Familienrat beisammen und besprechen, „was zu geschehen hat“; die Neuigkeit wird in die Welt hinausposaunt, und niemand würdigt den abgetanen Ehemann auch nur eines Blickes.
Aber in Wirklichkeit behalten die Frauen diese Tragödien schön für sich und ertragen sie mit merkwürdiger Ruhe und Gelassenheit. Glücklicherweise hat selten ein Mann so wenig Weltklugheit, um zu erlauben, daß seine Frau seine Untreue bekannt macht, und in der Regel würde eine Frau lieber sterben, als der Welt eine solche Wunde zu zeigen. Die Last von der Untreue eines Ehegatten wird oft jahrelang schweigend mit lächelnder Miene und erhobenen Hauptes von so mancher Frau getragen, die zu stolz ist, um sich einzugestehen, daß sie ihren Mann nicht zu fesseln vermag. Erst wenn die Jahre sie an die Demütigung gewöhnt und ihrem Kummer den Stachel genommen haben, gönnt sie sich die Erleichterung des Sichanvertrauens.
Wenige Frauen können verstehen, warum ein Gatte, obgleich er seine Frau gern hat und ihr treu bleibt, doch irgendwo anders das sucht, was sie ihm in seinen Augen nicht mehr bieten kann. Aber diejenige, die das Leben gut genug kennt, um das zu verstehen, weiß auch, daß ihr Teil das bessere ist, daß sie im Leben ihres Mannes der Kern und die Triebfeder ist, die noch lange bestehen bleiben, wenn seine zeitweiligen verliebten Tollheiten längst zu Asche gebrannt sind.
Nichtsdestoweniger ist vielleicht nach dem Worte „allein“ das Wort „untreu“ das traurigste und schrecklichste der menschlichen Sprache. Man kann es sich in flammenden Lettern über den Toren der Hölle unzählige Male geschrieben denken . . . „Untreu, Untreu . . .!“