„Ich glaube, wir Frauen wären nicht gegen die Polygamie, — nur um das kleinere Übel zu wählen,“ fuhr der kleine ‚Blaustrumpf‘ tapfer fort, „denn die gegenwärtige Vergeudung der Weiblichkeit in unserem Lande ist ein sehr ernstes Übel. Natürlich machen es die finanziellen Verhältnisse unmöglich, wie der ‚biedere Börsenmann‘ sagt, aber wenn es möglich wäre, wenn es aus ehrenwerten Motiven und in ganz ehrenwerter offener Weise von — ich meine, den geeigneten Persön­lichkeiten — autorisiert und sanktioniert wäre, dann glaube ich, die Frauen könnten es ohne Verlust der Selbstachtung aufnehmen, besonders, wenn die erste jugendliche Liebesglut vorüber ist. Nach diesem Stadium, und wenn eine Frau sich selbst vergißt, dadurch, daß sie sich wirklich erst in der Liebe und der Sorge für ihre Kinder und einer weiteren Auffassung des Lebens und seiner Pflichten selbst gefunden hat, dann denke ich, könnten die meisten Frauen unter solchen Umständen glücklich sein. Ich glaube, es wird eine Menge unsinniges Zeug über die Qualen der mensch­lichen Eifersucht zusammen­geschwatzt, und über die Eifersucht der Frau im besonderen. Die Männer mögen ja darunter leiden, darüber kann ich nicht urteilen, aber ich bin überzeugt, bei den Frauen ist es nicht so. Die Demütigung, die Lieblosigkeit, die Tatsache, ‚betrogen‘ und durch eine andere verdrängt worden zu sein, die verletzen so, wenn ein Mann untreu ist. Aber wenn es ganz anständig und ehrlich wäre, wenn es begriffen würde, daß die Polygamie der Natur des Mannes mehr entspricht und der größten Anzahl von Frauen Glück zu bereiten geeignet ist, — da sie so in der Überzahl sind, daß sie nicht erwarten können, jede einen Gefährten zu finden — dann glaube ich wirklich, nachdem die Frauen sich diesen neuen Verhältnissen anzupassen Zeit gehabt haben — es mag ein oder mehrere Generationen dauern — dann würden sie sie ganz froh anerkennen und Frieden und Befriedigung in ihr finden.“

Der ‚Blaustrumpf‘ machte eine Pause und sah auf die gespannten Gesichter ringsum. Sogar der ‚Tölpel‘ war auf ihre Worte gespannt, aber der ‚biedere Börsenmann‘ hatte seine Blicke abgewendet, und der ‚Blaustrumpf‘ war ganz bleich, als sie fortfuhr.

„Natürlich denkt man bei dem Wort gleich an den Harem und orientalische Frauengemächer, aber nichts von dieser Art würde sich bewähren. Die Frauen müßten getrennt leben, nicht bei dem Manne wohnen, jede in ihrem eigenen Heim, mit ihrem eigenen Interessen- und Pflichtenkreise, jede mit ihrer eigenen Arbeit. Keine dürfte im Müßiggang leben, welcher die Ursache alles Zwistes und aller Trübungen ist. Jede Frau sollte etwas arbeiten und irgend jemandem helfen. Ich denke jetzt natürlich nicht an die glücklich verheirateten und zufriedenen Frauen, sondern an die tausende, die ein elendes, dumpfes und einsames Leben führen und unendlich glücklicher wären, wenn sie sich auf eine bestimmte, in regelmäßigen Intervallen wiederkehrende Woche freuen könnten, in der der Mann mit ihnen leben würde. Es würde Liebe und menschliche Interessen und, was das Wichtigste ist, einen Inhalt in ihr Leben bringen. Ich weiß, es klingt entsetzlich unmoralisch,“ fuhr sie fort und errötete wieder peinlich, „aber ich meine es nicht so. Schließlich ist die Hauptursache, warum die Leute heiraten, die Kamerad­schaft, und diese hauptsächlich fehlt den unverheirateten Frauen nach der heiteren Zeit der ersten Jugend. Der natürliche Gefährte des Weibes ist der Mann. Daraus folgt, da nicht genug Männer da sind, um sie glücklich zu machen, daß es ein größeres Übel gibt als sie zu teilen. Ich behaupte nicht, daß es so befriedigend wäre, als einen treuen Gatten ganz für sich zu haben, aber es könnte für das größte Wohl der größten Anzahl gut sein, und es würde sicherlich bis zu einem gewissen Grade die sozialen Mißstände aufheben.“

Alle klatschten, als sie etwas atemlos geendet hatte. Es war klar, daß es dem braven ‚Blaustrumpf‘ so sehr an dem eigenen Mut der Meinung fehlte, daß sie in tödlicher Verlegenheit war, als sie ihr öffentlich Ausdruck verleihen mußte. Die ‚vornehme Dame‘, die das taktvollste Wesen der Welt ist, stand daher auf, bevor jemand etwas gesprochen hatte, und die beiden Frauen verließen zusammen das Zimmer.

Unter den Männern entstand ein Stimmengewirr, welches der ‚biedere Börsenmann‘ dazu benutzte, auch still zu verschwinden.

„Gebt den Porter weiter!“ sagte der ‚böse Börsenmann‘ munter: „Sie ist ein verteufelt gescheites Weib, aber wie sogar die geistreichen Frauen von einer solchen Lebensunkenntnis sein können, frappiert mich, und auch, wie ihr da solche Heuchler sein könnt! . . .“

„Heuchler! Was meinen Sie?“ brauste der ‚Familienegoist‘ auf, der jetzt vor lauter unterdrücktem Reden fast platzte.

„Nicht Sie, alter Freund, aber der ‚verlebte Roué‘ und der ‚biedere Börsenmann‘, die so herumschwätzen als ob bei uns zulande die Monogamie vorherrschte und die Polygamie etwas Neues wäre. Natürlich erwartet man es von dem ‚biederen Börsenmann‘, aber Sie, ‚verlebter Roué‘, sollten es wirklich besser wissen. Ja richtig, wo ist der ‚biedere Börsenmann?‘“

„Ich glaube, er hat sich um den Blaustrumpf beworben, um sie vor der Polygamie und ihren eigenen Ansichten zu retten“, näselte der ‚verlebte Roué‘, indem er eine Zigarette anzündete.

„Ein schneidiger Kerl; ich glaube wirklich, er hat es getan“, rief der ‚Tölpel‘ aufgeregt. „Ich setze einen Schilling gegen jeden von euch darauf. Ich meine es wirklich.“